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Freysinger Oskar · Nationalrat · 2008-03-20

Freysinger Oskar · Nationalrat · Wallis · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei · 2008-03-20

Wortprotokoll

Messieurs, Mesdames les jurés du Parlement, accusé sans acte d'accusation, privé d'accès à mon dossier et de toute assistance juridique, sommé de commenter un jugement déjà prononcé, je me tiens devant le tribunal de mes pairs, le Conseil national. Puisque ce jour mémorable nous renvoie au Moyen Age juridique où l'accusé n'avait d'autre choix que de faire amende honorable, je suis venu faire précisément cela: amende honorable. Et pour me punir doublement, je vais m'en acquitter en allemand.

Verurteilt mich, Geschworene des Bundesparlamentes, denn ich habe gesündigt! Ein schlimmeres Vergehen als jenes, dessen ich mich schuldig gemacht habe, ist undenkbar. Hätte ich einen Messdiener vernascht oder meine Schwiegermutter in ihrem Fett frittiert, wäre das noch verzeihbar. Aber ich habe etwas viel Schlimmeres getan: Ich habe ein Kommissionsgeheimnis ausgeplaudert. Wenn es noch irgendeine banale Indiskretion gewesen wäre, die Bekanntmachung eines Abstimmungsverhaltens zum Beispiel oder eine Betrachtung des Tagesgeschehens, könnte man mir auch das verzeihen. Aber ich habe das Ergebnis einer historisch brisanten und aufgrund ihrer Brisanz nicht traktandierten wissenschaftlichen Analyse publik gemacht. Zur Anhörung eingeladen war der Fürst aller Historiker und Doktor honoris causa der WBK, Bundespräsident Pascal Couchepin. Er referierte über das bahnbrechendste aller Themen, ein Thema, das jeden besorgten Bürger heutzutage bewegen sollte: Ist eine Reinkarnation Doktor Mengeles möglich? Seine Antwort lautete: Ja.

Sehr geehrte Geschworene, schaut zur rechten Ratsseite hinüber, und erbleicht vor Schrecken, denn dort sitzt er, der leibhaftige Beweis der Couchepin'schen These. Schaut ihn euch an, diesen "Mörgele" mit seinen eiskalten Augen und der zum Tragen einer Totenkopfmütze prädestinierten Stirn! Erzittert vor seinem grausamen Lächeln und den blutleeren Lippen, über deren Schwelle nur Todesurteile zu dringen vermögen. Dort sitzt sie, die Reinkarnation des Bösen, die von Bundespräsident Couchepin dank seiner tiefgründigen Kenntnis der unmenschlichen Natur entlarvt wurde. Und er warnte uns, der Vorkämpfer für Toleranz, Humanmedizin und Pharmakologie. Hinter dem Schutzwall des Amtsgeheimnisses warnte er uns davor, die wahre Natur dieses Weggefährten des Duce bekanntzumachen, denn er fürchtete, die Kenntnis dieser Ungeheuerlichkeit könnte die erloschene Flamme der braunen Bataillone neu entfachen und die kalte Asche des nationalen Sozialismus aufwärmen.

Das Geheimnis war zwar durch 25 versiegelte Lippen geschützt, also auf Ewigkeiten sicher. Denn wenn 25 ihr Schweigen bündeln, ist ein Geheimnis bekanntlich viel besser aufgehoben, als wenn ein Einziger etwas weiss. Doch die Siegel wurden gebrochen, die historische Erkenntnis drang ans Tageslicht und droht nun eine neue "Mengellehre" zu begründen.

Darum stehe ich als Angeklagter vor eurem Geschworenengericht und bekenne mich schuldig. Verbannt mich, belegt meine vorlaute Zunge mit tausend Jahren Schweigen, damit Couchepins Prophezeiungen auf ewig im Kommissionsprotokoll erstarren und anstelle der Götterdämmerung ein neues "Mörgeli" für unser Land anbricht! (Teilweiser Beifall)