Vermot-Mangold Ruth-Gaby · Nationalrat · 2006-12-20
Vermot-Mangold Ruth-Gaby · Nationalrat · Bern · Sozialdemokratische Fraktion · 2006-12-20
Wortprotokoll
Wissenschaft und Forschung, die Erfahrungen aus den Szenen, die Umsetzung der Viersäulenpolitik und der Druck von HIV und Aids haben in der Säule Therapie einiges bewegt. Die heroingestützte Behandlung wurde trotz vieler Widerstände eingeführt. Sie hat sich für ein kleines Segment von Drogenabhängigen bewährt. Ein absolut lernresistenter Teil dieses Parlamentes bestreitet dies zwar und argumentiert, die ärztliche Verschreibung von Heroin chronifiziere die Patientinnen, lasse sie an der Verelendung und Abhängigkeit festhalten, statt sie für den Ausstieg aus der "Drogenmühle" zu ermutigen. Kurz - so die Gegner -: Es gibt keine Erfolge. Erfolg wird nämlich - fälschlicherweise - ausschliesslich an den Ausstiegszahlen gemessen und mit Heilung und Abstinenz gleichgesetzt.
Mit der heroingestützten Behandlung werden jedoch viel differenziertere Ziele verfolgt: Der oft sehr schlechte Gesundheitszustand der Klientinnen soll verbessert, ihre soziale Integration unterstützt und ihre Arbeitsfähigkeit gefördert werden. Ausserdem soll die Beschaffungskriminalität - und das ist ein wichtiger Anspruch - verringert werden. Diese Ziele sind für viele Klienten der heroingestützten Behandlung sehr hoch und oft unerreichbar. Aber trotzdem: Diese verelendeten, langjährig abhängigen und oft sehr kranken, von HIV betroffenen Junkies haben ein Anrecht auf eine Behandlung, die ihnen eine Möglichkeit bietet, Schritte zu machen und ihr Leben wieder selber zu ordnen - wenn es sein muss, bis an ihr Lebensende mit ärztlich verschriebenem Heroin.
Die Einstiegshürden für eine heroingestützte Behandlung sind hoch. Die Klienten müssen seit zwei Jahren heroinabhängig und mindestens 18 Jahre alt sein. Ausserdem müssen sie mindestens zwei Entzüge abgebrochen haben und aufgrund ihres Drogenkonsums gesundheitliche Defizite aufweisen. Dass diese Hürden sinnvoll sind, zeigt das Durchschnittsalter der Klienten in der heroingestützten [PAGE 2006] Behandlung: Es beträgt um die 38 Jahre; die heutigen Klienten sind zwischen 21 und 68 Jahre alt.
Auch wenn Heroin vor allem an verelendete Menschen abgegeben wird, sind die Austrittszahlen doch bemerkenswert. So sind von 1295 Patientinnen im letzten Jahr 147 ausgetreten, rund 70 von ihnen haben eine Methadon-Therapie aufgenommen; das verschriebene Heroin ermöglicht es einigen, in eine andere Therapie zu wechseln, vielleicht, um den Ausstieg erneut zu probieren.
Wenn die gesundheitliche und soziale Situation der Klienten besser wird, wenn sie eine eigene Wohnung haben und weg sind vom Stress der Gasse und sogar Arbeit haben, dann sind dies wesentliche Teilerfolge, und die heroingestützte Behandlung hat dazu beigetragen.
Wer Erfolg nur an totaler Abstinenz misst, liegt falsch. Denn der Ausstieg aus der Sucht unter sehr schwierigen persönlichen Bedingungen benötigt Kräfte, Gesundheit, Zeit. Alle drei Dinge sind häufig kaum vorhanden.
Die Beschaffungskriminalität ist massiv zurückgegangen. Eine Rechnung, die dies aufzeigt, möchte ich Ihnen präsentieren: Das Koda im Kanton Bern benötigte 2005, also letztes Jahr, für seine 195 Klienten 31,5 Kilo Heroin zum Preis von 478 000 Franken. Zur Erzielung der gleichen Wirkung hätten die 195 Patienten und Patientinnen auf der Gasse total 200 Kilo des oft verunreinigten Gassenheroins einkaufen müssen. Jeder Einzelne hätte dafür pro Jahr 65 000 Franken oder pro Monat 5500 Franken haben und ausgeben müssen. An so viel Geld können Drogenabhängige aber nur über Kriminalität und Diebereien herankommen. Wer dem Stoff nicht nachjagen und nicht vor der Polizei flüchten muss und dazu ein sozial tragfähiges Umfeld hat, kann die Schwierigkeiten seines Lebens besser meistern und vielleicht sogar handeln. Die heroingestützte Behandlung muss zwingend im Gesetz verankert werden.
Ich bitte Sie dringend und inständig, die Mehrheit zu unterstützen und den Antrag der Minderheit sowie die Anträge Waber abzulehnen.