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Plattner Gian-Reto · Ständerat · 2001-09-20

Plattner Gian-Reto · Ständerat · Basel-Stadt · Sozialdemokratische Fraktion · 2001-09-20

Wortprotokoll

Ich ergreife die Gelegenheit, auch ein paar Worte zu den Chancen und Schwierigkeiten zu sagen, die sich für die Hochschulen durch die Mitarbeit der Schweiz am Bologna-Prozess ergeben. Es sind vor allem drei Punkte, auf die ich hier kurz eingehen möchte.

Das eine sind die Schwierigkeiten. Es ist schön, dass eine Hochschule wie jene von St. Gallen auf einen Schlag und auf ein und denselben Termin hin für ihre ganzen Studienangebote das Master-Bachelor-System - und dazu müsste man immer auch noch das Doktorexamen nennen - einführen kann. St. Gallen ist natürlich eine sehr homogene Hochschule, und da fällt dies relativ leicht. An einer Universität wie derjenigen von Basel - mit einer Vielzahl von verschiedenen Studiengängen, von denen immer einige gerade in "Renovation" sind, wo vielleicht gerade neue [PAGE 540] Studiengänge vor zwei, drei Jahren eingeführt wurden und somit heute schon zwei Studiengänge parallel laufen, ein alter und ein neuer - ist es natürlich sehr viel schwieriger, allenfalls noch einen dritten Studiengang nach dem Kreditpunkte-Bachelor/Master-System einzuführen. Drei Studiengänge nebeneinander zu führen, das überfordert jedes Fach. Da müssen Sie also ein gewisses Verständnis haben, wenn es nicht möglich ist, an einer Universität mit einer derartigen Angebotsbreite - wie das an allen Hochschulen mit sowohl naturwissenschaftlichen wie auch geistes- und sozialwissenschaftlichen Abteilungen der Fall ist - einfach auf einen Schlag hin das neue System einzuführen. Da wird man eine - nicht zu kurz bemessene - Übergangszeit gewähren müssen.

Es gibt aber natürlich auch inhaltliche Probleme. Während es in den Naturwissenschaften relativ einfach ist, die Bachelor-Master-Doktor-Struktur einzuführen, gibt es bei uns in den Geisteswissenschaften erhebliche Probleme, weil die ganzen Traditionen dieser Fächer mit ihren Systemen von Hauptfächern und doppelten Hauptfächern so sind, dass man nicht ohne weiteres, einfach durch eine Formänderung das Studium in modulare Einheiten gliedern und Kreditpunkte verteilen könnte. Da muss wirklich die Ausbildung von Grund auf neu durchdacht werden; sie wird sich in gewissen Fächern dramatisch ändern. Dass das auch wieder Zeit braucht, ist klar. Ich bin immerhin froh, hier sagen zu können, dass an unserer Universität - nach anfänglichen Widerständen - mittlerweile alle Fakultätsversammlungen zugestimmt haben, diese Probleme anzugehen, und es somit nur noch eine Frage der Zeit sein wird, bis in allen Fächern die Bologna-Deklaration umgesetzt werden kann.

Ein zweiter Punkt ist der Stellenwert des neu eingeführten Bachelor-Examens. Das hängt eng mit der Studienzeitverkürzung zusammen, die Kollege Bieri genannt hat. Es gibt in der Wirtschaft klare Vorstellungen, dass man mit dem Bachelor so etwas einführt wie - ich sage das einmal - eine "Anlehre" in der Berufsbildung, eine verkürzte, nicht ganz so vollständige, aber immer noch gute Hochschulbildung, die dann billigere, aber doch akademisch einigermassen gut ausgebildete Arbeitskräfte zur Verfügung stellt. Diese Diskussionen finden statt, die Wirtschaft macht diesen Standpunkt geltend. Die Universitäten und Hochschulen müssen sich fragen, wie sie damit umgehen wollen. Klar ist für mich, dass der Bachelor einerseits eine Zwischenstufe zum Master ist und dieser wiederum eine Zwischenstufe zum Doktorexamen; bis zum wirklich selbstständigen Wissenschaftler und Forscher ist es also eine dreistufige Ausbildung. Aber für mich ist andererseits auch klar, dass man nicht einfach ein Zwischenexamen machen kann, wie es zum Beispiel die ersten Propädeutika bei den Medizinern waren, die mit Medizin sozusagen gar nichts zu tun hätten und bei denen niemand hätte behaupten können, man sei mindestens schon so eine Art Barfussdoktor, wenn man das erste und zweite Propädeutikum gemacht hätte. Das war nicht so; es gab vielmehr eine völlig andere, stark auf die Naturwissenschaften ausgerichtete Ausbildung, die einen nicht zum Arzt machen konnte.

Der neue "Bachelor" muss schon von der Art sein - ich denke, das ist eine Aufgabe, die die Hochschulen wahrnehmen müssen -, dass er ein in sich geschlossenes Paket von Ausbildung anbietet, mit einer gewissen Breite, sodass dann die Wirtschaft ihrerseits durch entsprechende Angebote an Leute, die einen Bachelor gemacht haben, ihre Wertschätzung dieser Ausbildung zeigen kann und allenfalls die Leute wirklich anstellt, obwohl diese nicht weiter gegangen sind, wie das in den USA der Fall ist, wo weitaus die meisten Universitätsabschlüsse auf dem Bachelor-Niveau enden und keine weitere Ausbildung mehr gemacht wird.

Persönlich meine ich, wir sollten nicht so weit kommen, dass bei uns der Bachelor, mit nur drei Jahren, zum Normabschluss in der Hochschule wird. Wenn ich etwas spitz argumentiere, würde ich sagen, für so kurze Hochschulausbildungen haben wir jetzt eigentlich die Fachhochschulen eingeführt, die eben eine andere Ausbildungsphilosophie haben, wo ein grosser Teil der Ausbildung nach der Berufslehre und der Berufsmatura schon da ist und dann nachher drei Jahre genügen. Die universitären Hochschulen sollten schon am Normabschluss Master festhalten, auch wenn das manchen Wirtschaftsleuten nicht gefallen wird.

Der letzte Punkt ist ganz wichtig, da möchte ich Frau Bundesrätin Dreifuss bitten, gut zuzuhören: das sind die Kosten. Schauen Sie, was der Bundesrat zu den Kosten sagt - auch Herr Bieri hat deutlich gefragt und hat wahrscheinlich mehr erwartet -: Fast nichts! Da wird nüchtern gesagt, was immer stimmt, dass noch nicht alle Abklärungen getroffen seien, um den Mehraufwand zuverlässig messen zu können. Das stimmt natürlich. Beim Lesen dieser Antwort erinnere ich mich dann aber an den Widerstand von Frau Bundesrätin Dreifuss bei der Überweisung meiner Motion für eine substanzielle Erhöhung der Grundsubventionen an die Universitäten und an das Interview, das Frau Bundesrätin Dreifuss dem "Tages-Anzeiger" gegeben hat. Daraus ging sehr klar ihre riesengrosse Liebe zu den Eidgenössischen Technischen Hochschulen hervor, die wie verwöhnte Kinder erschienen. Den Universitäten wurde gesagt, sie dürften auch in gewissen Teilen Weltspitze sein, aber im Allgemeinen reiche da gutes Mittelmass. Dabei kam ich mir schon ein wenig vor wie das Stiefkind in der Familie Dreifuss.

Hier muss ich schon sagen: Die Dinge hängen alle miteinander zusammen. Wenn Sie das Kreditpunktesystem ernst nehmen, das ein Teil der Bologna-Deklaration ist, und die Forderungen ernst nehmen, wonach man in den ersten drei Jahren schon eine solide, umfassende Ausbildung anbieten können soll, die es der Wirtschaft ermöglicht, Bakkalaureaten dann auch wirklich sinnvoll zu beschäftigen und sie in die wirtschaftsinterne Weiterbildung zu schicken, dann erfordert dies einen erheblichen Mehraufwand. Mit Ex-Cathedra-Vorlesungen - ein Professor vor 300 Studierenden - kommt man nie in einen solchen Zustand, sondern da sind Gruppenarbeit, da ist Tutoring gefragt, da müssen Übungen und Besprechungen im kleinen Rahmen abgehalten werden. Das erfordert vor allem personell eine bessere Ausstattung der verschiedenen Fachrichtungen. Die Betreuungsverhältnisse - nicht nur auf dem Niveau Ordinarius oder Ordinaria und Studierende, sondern insgesamt, vor allem auch im Mittelbau, um die entsprechenden Chancen für alle diese Mittelbau-Leute, trotzdem eine vernünftige Lebenskarriere machen zu können, zu wahren - müssen stark verbessert werden. Das wird erhebliche Zusatzmittel erfordern. Für die Bologna-Deklaration - wenn man sie ernst nimmt und so umsetzt, wie das die Meinung ist - bedeutet das nicht 1, 2, 3 Prozent Mehrkosten, sondern 10, 20, 30! Wir rechnen nach unseren ersten Erfahrungen mit etwas in der Gegend von einem Viertel Mehrkosten für die Lehre - nicht für die Forschung natürlich - in den Fächern, wo wir das schon eingeführt haben.

Daran werde ich Sie im Dezember 2001 erinnern, wenn das Budget vorliegt und wenn dann hoffentlich auch der Nationalrat - am 1. Oktober 2001 - die Motion überwiesen haben wird. Ich bitte Frau Bundesrätin Dreifuss, sich dann auch noch an mein jetziges Votum zu den Kosten zu erinnern. Die Universitäten brauchen einfach Geld. Sonst ist nicht einmal mehr dieser mittlere Durchschnitt, den uns Frau Bundesrätin noch zugesteht, zu halten. Dann sinken wir auf eine Qualitätsstufe ab, bei der man sich fragen muss, ob es sich überhaupt noch lohnt, so teure Institutionen am Leben zu erhalten.