Lexipedia

Bieri Peter · Ständerat · 2014-12-04

Bieri Peter · Ständerat · Zug · Fraktion CVP-EVP · 2014-12-04

Wortprotokoll

In einem bemerkenswerten Artikel in der "Neuen Zürcher Zeitung" aus dem Jahre 2011 hat Caspar Hirschi, der damals noch als Stipendiat des Schweizerischen Nationalfonds an der ETH arbeitete und heute Professor für Geschichte an der HSG in St. Gallen ist, Analysen und Überlegungen zum akademischen Nachwuchs an unseren Hochschulen vorgestellt. Dabei stellt der Autor fest, dass unser Land diesbezüglich heute in hohem Mass vom Zuzug ausländischer Forscher abhängt, und dies nicht nur bei der Medizin. Ohne im Geringsten den Wert dieses "brain gain" - um es mal so zu sagen - schmälern zu wollen, muss es uns doch, denke ich, ein Anliegen sein, bei der Gestaltung der Arbeitsbedingungen und der wissenschaftlichen Berufswege Voraussetzungen zu schaffen, die es auch für Schweizerinnen und Schweizer attraktiv machen, an unseren eigenen Universitäten und an den beiden ETH als Wissenschafter und Wissenschafterinnen tätig zu sein und zu bleiben.

Wie der Autor des erwähnten Artikels aufzeigte, gehen vor allem skandinavische Länder ohne Qualitätsverlust andere Wege und erreichen Werte, die beinahe doppelt so hoch liegen wie jene der Schweiz. Gemäss Ausführungen des Autors arbeiten an Schweizer Universitäten 40 Prozent ausländische Wissenschafter, während dieser Anteil in den skandinavischen Ländern bloss 10 bis 20 Prozent beträgt. Auch wenn vor allem der Zuzug von akademischen Kräften aus unserem Nachbarland Deutschland eine lange und für unser Land erfolgreiche Tradition besitzt, wäre es nun unklug, sich zu einseitig auf diesen Wissenstransfer zu verlassen und den eigenen Nachwuchs zu vernachlässigen. Der Autor schlägt vor, die schweizerischen universitären Strukturen so anzupassen, dass der Entscheid für eine wissenschaftliche Karriere an Attraktivität gewinnt. Dabei sollten insbesondere flachere Hierarchien und Möglichkeiten für feste Anstellungen junger Wissenschafter geschaffen werden.

Ich habe aufgrund dieses Textes und nach Rücksprache mit Professor Hirschi ein Postulat (11.3064) verfasst, mit dem ich gefordert habe, dass in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Universitätskonferenz und dem Schweizerischen Nationalfonds Möglichkeiten erarbeitet werden, um den schweizerischen Nachwuchs an Wissenschaftern so zu fördern, dass unser Land hier mittelfristig einen mit vergleichbaren anderen europäischen Ländern ähnlichen Anteil an eigenen Kräften besitzt. Ich bat den Bundesrat damals, im Rahmen der BFI-Botschaft 2013-2016 aufzuzeigen, welche Massnahmen dazu ergriffen werden sollten.

Was ist zu tun? Es stellt sich die Frage, inwieweit eine Strukturreform mit flacheren Hierarchien und mit einem breiteren Mittelbau anzustreben wäre, der von aufstrebenden Wissenschaftern belegt wird - eine Strukturreform, die die Entwicklung des Forschungsnachwuchses mit festen Stellen begünstigen würde. Es stellt sich die Frage der Arbeits- und Salärbedingungen, der familienunterstützenden Massnahmen oder der Zweckmässigkeit der Projektförderung.

Der Schweizerische Nationalfonds hat in seinem Mehrjahresprogramm 2012-2016 erfreulicherweise eine solche Strategie entwickelt und dafür auch entsprechende Mittel bereitgestellt. Fortschritte sind aber auch bei den Hochschulen und ihren Trägern nötig. Sie müssen Anpassungen an die Hand nehmen. Wenn eine 2008 veröffentlichte Ländervergleichsstudie zur Folgerung kommt, in der Schweiz sei eine akademische Karriere besonders unsicher und für Wissenschafter, die ein Interesse an berufsbiografischer Planbarkeit hätten, nicht besonders attraktiv, so lässt das doch aufhorchen. Es ist deshalb richtig, dass der Bundesrat, der diese Situation erkannt hat, in Zusammenarbeit mit den Kommissionen für Wissenschaft, Bildung und Kultur entsprechende Massnahmen vorschlägt. Der Bundesrat hat denn auch mein Postulat angenommen. Wir haben unterdessen den bundesrätlichen Bericht zum Postulat der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur unseres Rates 12.3343 erhalten. Er trägt den Titel "Massnahmen zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses in der Schweiz", und er macht auch entsprechende Vorschläge zu anreizorientierten Sondermassnahmen zur Unterstützung eines differenzierten Karrieresystems an den universitären Hochschulen.

Ich habe an der Beratung in unserer Kommission aktiv teilgenommen und auch gewisse Vorbehalte angemeldet. Denn dort, wo wir von Bundesseite her zu sehr versuchen, in die Mechanismen und Organisationsformen der Hochschulen einzugreifen, laufen wir auch Gefahr, dass wir die Leitlinien, die wir mit dem neuen Hochschulförderungs- und Koordinationsgesetz geschaffen haben, verlassen. Auch dort, wo wir allzu einschneidende Massnahmen fordern, zum Beispiel bei der Förderung der Schweizerinnen und Schweizer, oder wo wir sehr weit gehen, wie bei der Vorgabe der Frauenförderung, laufen wir in gewisser Weise Gefahr, dass die Kriterien der wissenschaftlichen Exzellenz verlassen werden.

Ich glaube aber, dass wir uns mit unserem Vorschlag und auch mit den Erkenntnissen, die sich aus dem Bericht des Bundesrates ergeben, auf einem guten Weg befinden. Wir orientieren uns auf der einen Seite wirklich an der wissenschaftlichen Exzellenz unserer Hochschulen; auf der anderen Seite bieten wir aber auch unseren eigenen Kräften Gewähr, dass sie auf dem Weg ihrer wissenschaftlichen Karriere nicht schon in jungen Jahren abgeblockt werden. [PAGE 1176]

In diesem Sinne danke ich insbesondere auch unserer Kommission für die gemachte Arbeit. Sie war intensiv, sie war zum Teil auch widersprüchlich; das will ich jetzt gerne zugeben. Ich glaube, wir können heute alle hinter dem Text des Postulates stehen. Es ist jetzt ein Postulat, aber dem Postulat müssen Taten folgen, die insbesondere mit der nächsten BFI-Vorlage vom Bundesrat präsentiert werden müssen.

Bieri Peter · Ständerat · 2014-12-04 | Lexipedia | Lexipedia