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Fässler Hildegard · Nationalrat · 2002-03-18

Fässler Hildegard · Nationalrat · St. Gallen · Sozialdemokratische Fraktion · 2002-03-18

Wortprotokoll

Mir ist wieder nicht klar, warum der Bundesrat beantragt, diese Motion in ein Postulat umzuwandeln. Die Stellungnahme des Bundesrates zeigt klar drei Dinge:

1. Die EDK ist bereits im Sinne des Motionärs tätig und legt nächstens eine Vorlage für die Kantone vor.

2. Die Frage liegt nicht in der Kompetenz des Bundes.

3. Auch die WBK ist in dieser Frage tätig.

Ich habe aus folgendem Grund etwas Mühe mit der Motion - auch in Form des Postulates: Wieso ist es ein Problem, dass unsere jungen Leute international gesehen relativ spät zu Studienabschlüssen kommen? Kann es ein Lebensziel sein, möglichst früh in den Arbeitsprozess eingebunden zu werden? Ist es ein Lebensziel, Herr Gutzwiller, möglichst viele Jahre bis zur Pensionierung einer Erwerbsarbeit nachzugehen? Individuell gesehen, Herr Präventivmediziner, doch sicher nicht! Eine möglichst lange leistungsfreie Kindheit erscheint mir wichtiger als zwei, drei Berufsjahre mehr "auf dem Buckel", wenn ich dann mal AHV-Rentnerin bin.

Für die Gesellschaft - inklusive Wirtschaftswelt: Sind denn blutjunge Studienabgänger mit wenig Lebenserfahrung bzw. weniger lang entwickelter Persönlichkeit wirklich das, was unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft brauchen? Sind denn 26-Jährige in der Lernfähigkeit gegenüber 23-Jährigen schon eingeschränkt? Ist Sachkompetenz wichtiger als Selbst- und Sozialkompetenz? Ja, ich kenne das Beispiel der 22-jährigen Ingenieure aus Schweden bei der ABB. Aber was haben sie 25-jährigen ETH-Absolventinnen tatsächlich voraus, ausser vielleicht tieferen Lohnvorstellungen? Im Bereich der Berufslehrabsolventen brauchen wir den Vergleich [PAGE 302] wegen unseres sehr guten dualen Ausbildungssystems auch nicht zu scheuen.

Aber vielleicht steckt hinter der Motion von Kollege Gutzwiller ja gar nicht diese Motivation, sondern jene der Hilfe für unterforderte Schulanfängerinnen und Schulanfänger. Auch zu diesem Punkt möchte ich kurz Stellung nehmen: Ich gehöre ja wohl zu den ganz wenigen in diesem Rat, welche einmal Erstklässler unterrichtet und auch Lehrkräfte für diese Schulstufe in Didaktik ausgebildet haben. Wer fordert, dass Kinder im sechsten Lebensjahr einzuschulen seien, muss wissen: Schule wird nicht mehr die Schule sein, die wir alle hier als Schule erfahren haben. Mit Fünf- bis Sechsjährigen muss man einen anderen Unterricht machen, andere Unterrichtsformen anwenden, als mit Siebenjährigen. Die Unterschiede in der sozialen Entwicklung sind in diesem Alter riesengross. Im Weiteren muss man wissen, dass die Forderung von Herrn Gutzwiller Kosten verursacht. Jüngere Kinder müssen in kleineren Gruppen unterrichtet werden. Sie müssen individualisierten Unterricht erhalten. Wenn man jene, die eben schon etwas mehr leisten wollen, stärker fördern will als die anderen, braucht das mehr Lehrkräfte.

Deshalb meine ich, dass hinter der Motion Gutzwiller Chancen für die Kinder stecken, ihre Lernlust länger zu behalten, ihre Kompetenz zu stärken. Die Pisa-Studie wird dazu sicher noch Hinweise geben. Für mich ist klar: Es ist eine Chance, wenn man Kinder früher einschult - aber sicher nicht, damit man ein früheres Schulende erreicht. Deshalb ist es gut, wenn wir über diese Anliegen dann einmal anhand eines Postulatsberichtes nachdenken können. Aber es geht nicht darum, die Schule früher zu beenden, länger Erwerbsarbeit zu leisten. Vielmehr ermöglicht das vielleicht, die Basisstufe, die ich als grosse Chance für viele Kinder erachte - auch in der Frage der Integration -, tatsächlich einzuführen. Da hat Herr Gutzwiller Recht. Aber das muss der wesentliche Punkt in diesem Vorstoss sein.

Ich werde mich der Überweisung des Vorstosses als Postulat deshalb nicht widersetzen, in der Hoffnung, dass Frau Bundesrätin Dreifuss den Finger auf den richtigen Punkt legt.