Aebi Andreas · Nationalrat · 2018-06-04
Aebi Andreas · Nationalrat · Bern · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei · 2018-06-04
Wortprotokoll
Meine Interessenbindung: Ich bin auch Milchbauer, aber im Gegensatz zu meinem Vorredner habe ich nicht Braune und Eringer Kühe, sondern rote und schwarze Holstein-Tiere. Zudem bin ich Präsident der Arbeitsgemeinschaft Schweizer Rinderzüchter, also der Dachorganisation der Schweizer Rindviehzuchtverbände, deren Mitglieder 90 Prozent hornlose und 10 Prozent behornte Tiere halten.
Zuerst herzliche Gratulation dem Berufskollegen Capaul: Es ist eine Meisterleistung, in so kurzer Zeit 120[NB]000 Unterschriften zusammenzubringen.
Worum geht es? Der Entscheid, ob Kühe mit oder ohne Hörner gehalten werden, ist abhängig von den Gegebenheiten auf den Betrieben; das haben wir schon gehört. Dabei spielen Faktoren wie beispielsweise die Aufstallungssysteme - hat man einen Laufstall oder einen Anbindestall? -, die Grösse der Herden, Aspekte der Vermarktung, Zuchtviehverkauf, Milchvermarktung für Spezialitäten wie Hornkäse oder Hornmilch, Demeter-Richtlinien, Vorlieben der Betriebsleiterfamilien und nicht zuletzt auch Traditionen, ich denke da an Viehschauen und Alpaufzüge, eine wichtige Rolle.
Ich selber bin der Meinung, dass dieser Entscheid nicht über staatliche Subventionen beeinflusst werden sollte. Warum das? Es ist nicht eine staatliche Aufgabe, die Haltung von behornten Kühen zu unterstützen. Ich glaube auch, es sei staatspolitisch falsch, eine solche Fragestellung in der Bundesverfassung zu regeln. Dennoch bin ich stolz - mein Vorredner hat es auch schon gesagt -, dass in der Industrienation Schweiz, einem der reichsten Länder dieser Welt, über eine solche Frage hier im hohen Parlament debattiert werden kann.
Die staatliche Förderung von behornten Kühen würde unweigerlich zulasten anderer Förderungsmassnahmen in der Landwirtschaft gehen. Dadurch wird natürlich Geld bei anderen Programmen fehlen. Es gibt auch einen landwirtschaftlichen Unfrieden zwischen Haltern von behorntem und solchen von nichtbehorntem Vieh. Das grosse Problem ist, dass gerade unsere Originalrassen, das Original-Braunvieh und die Simmentaler, angebunden sind. Es gibt viele Kreise wie auch den Tierschutz, die sagen, dass man für angebundene Tiere garantiert keine Beiträge bekommen würde.
Ich hätte es auch gerne, wenn die Mehrkosten für die Haltung dieser behornten Kühe über den Markt abgegolten würden, wie es bereits gesagt wurde, über Hornmilch oder Hornfleisch. Das Horn hat weltweit gewaltige Vermarktungsmöglichkeiten. Also, machen wir das doch!
Ein ganz, ganz wesentlicher Punkt für mich ist die Verletzungsgefahr für Mensch und Tier. Wir haben jetzt seit 35 Jahren enthornte Kühe. Wenn meine Tiere Phantomschmerzen hätten oder ich so etwas sehen oder erfahren würde, dann würde ich sofort damit aufhören. Die Enthornung gehört heute zu unseren Tieren. Man könnte auch fragen, ob unsere kastrierten Hauskatzen, Hunde und Meerschweinchen nicht auch Phantomschmerzen haben oder ob sie ein anderes Verhalten haben. Sie haben ganz klar ein anderes Verhalten, das kann ich Ihnen sagen, und zwar in allen Teilen des realen Lebens dieser Tiere.
Ich war vor beinahe dreissig Jahren Präsident der Schweizerischen Jungzüchtervereinigung. Ich bekam vom Inselspital Bern einen Brief - leider habe ich ihn nicht mehr -, in dem gesagt wurde: "Aebi, wie lange macht ihr das noch, diese behornten Tiere?" Im Winter gibt es pro Woche rund fünf, sechs, sieben schwerste Verletzungen. Ich habe mehrere Kollegen, die schwere Gesichtsverletzungen wegen der Hörner haben. Es ist mir unter die Haut gegangen, als Ständerat Isidor Baumann in der Debatte zum gleichen Geschäft im Ständerat von einem toten Familienangehörigen gesprochen hat. Das ist nicht einfach nichts.
Hornlosigkeit kommt beim Rind und auch bei anderen Wiederkäuern in der Natur vor. Jahrtausendealte Felszeichnungen zeigen uns, dass es bereits vor Tausenden von Jahren hornlose Tiere gab. Gerade die Angus-Rasse ist hornlos. Wir machen da also bei unserem Rindvieh - gehörnt oder hornlos - ungleiche Gesetze.
Ich komme zum Schluss: Ich finde es schade, dass der Gegenvorschlag, so, wie er auf dem Tisch lag, nicht zur Anwendung kam. Diesem hätte ich gerne zugestimmt. Ich hätte das eine akzeptable Lösung gefunden. Ich bin aber auch der Meinung, dass es Gründe dafür und dagegen gibt. Aus Respekt vor unseren Originalrassen, die alle Hörner tragen, werde ich mich der Stimme enthalten.