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Genner Ruth · Nationalrat · 2002-06-20

Genner Ruth · Nationalrat · Zürich · Grüne Fraktion · 2002-06-20

Wortprotokoll

Der Bundesrat beschreibt in seinen grossen Zielen, die er verfolgen will, die Nachhaltigkeit als prioritär. Aber das ist eine leere Worthülse, denn wenn er mit einer solchen Vorlage kommt, wie er sie uns jetzt vorlegt, ist er rückwärts gewandt. Er setzt sich für eine veraltete Technologie ein, die noch in der Zukunft gebraucht werden soll und die alles andere als nachhaltig ist.

Die Atomtechnologie ist eines der Themen, die mich politisiert haben. Als wir darüber sprachen, noch in der Zeit meines Studiums, sagte man, die Atomkraftwerke seien etwa 25 Jahre lang in Betrieb. Jetzt will der Bundesrat die Betriebsdauer der Werke verlängern. Ich wurde in der Frage der Atomtechnologie nicht aus ökonomischer Sicht politisiert, wie das offenbar bei Ruedi Rechsteiner geschah. Er hat hier vortrefflich vorgetragen, dass wir uns die Atomtechnologie auch ökonomisch nicht leisten können. Ich wurde politisiert durch die naturwissenschaftliche Erkenntnis, dass die Atomtechnologie keine Zukunft hat. Wir machten an der ETH Experimente, in denen wir kleine Drosophila-Fliegen der Strahlung aussetzten. Nachher schauten wir, wie sich die Strahlung auf die Genexpression auswirkte, wie sie die Nachkommen der bestrahlten Tiere veränderte. Die Demonstration dieser Genmutationen, diese Eingriffe ins Gengut über Strahlen, erschütterte mich tief. Es öffnete mir auch die Augen für eine Realität, die eine Realität im Labor war; aber wir haben inzwischen leider erfahren, dass es eine Realität in der Welt draussen geworden ist, dass dieses brutale Experiment (mit "Tschernobyl") an Kindern, an Menschen, an Pflanzen und an Tieren gemacht worden ist. Ich denke, es ist allerhöchste Zeit, dass wir dieses Experiment abbrechen.

Die Atomtechnologie steht in krassem Widerspruch zu allen Ansätzen von Nachhaltigkeit, zu allen Ansätzen, sich dafür einzusetzen, die Lebensgrundlagen der Menschen und der Natur zu schützen. Das ist der Grund, warum die Grünen sich für die Stilllegung der Anlagen mit Atomreaktoren einsetzen.

Ich möchte im Folgenden auf den Aspekt des Abfalls zu sprechen kommen, denn es ist ja eben der Abfall, der strahlt. Es sind nicht nur die Anlagen, die Objekte grösster potenzieller Gefahr darstellen. Wir haben inzwischen gelernt, dass die Gefahr nicht nur aus dem Innern der Anlagen kommt - dort kann man noch so viele Sicherheitskreise haben -, sondern die Gefahr, dass Strahlung freigesetzt werden könnte, kommt, das wissen wir seit dem 11. September 2001, möglicherweise auch von aussen.

Die Abfälle, die aus der Atomstromproduktion dauernd anfallen, sind das grösste Problem. Dieses Material strahlt über Jahre hinweg - ich muss sagen, das ist sogar ein falsches Zeitmass, die Strahlung dauert über Generationen. Es ist ein Gefahrenpotenzial, das wir vielen Generationen überlassen und das nicht hoch genug eingestuft werden kann, weil es eben die Kraft hat, in die Genetik einzudringen, und zwar nicht nur in die der Menschen, sondern in die von allen lebendigen Organismen. Deshalb ist aus meiner Sicht der Abfall das grösste Problem. Wir haben das Problem des Abfalls in der Schweiz überhaupt noch nicht in den Griff bekommen. Es gibt keine Methoden, die man für eine sichere Entsorgung gefunden hätte. Letztlich ist auch dieses Wort falsch: Eine Entsorgung von Abfall im klassischen Sinn kann es für Atomabfall nie geben, weil dieses strahlende Material nicht verschwindet und nicht zum Verschwinden gebracht werden kann. Sie haben alle einmal in der Physik gelernt, dass es den Satz der Erhaltung der Materie gibt. Aber die Materie der atomaren Abfälle hat die Strahlung in sich, die Hauptgefahr, und stellt deshalb die absolute Hauptproblematik dar.

Die Halbwertszeiten für diese Strahlung betragen Tausende von Jahren. Für mich liegt die Verantwortungslosigkeit bei der Atomtechnologie vornehmlich bei der "Produktion" von diesem Material, das über Tausende von Jahren strahlen kann und strahlen wird. Wir überlassen vielen Generationen von Menschen einen Abfall, den sie sorgfältigst und mit grössten Vorsichtsmassnahmen teuer - hier kommt die Ökonomie hinein - lagern müssen, ohne dass sie daraus irgendeinen Nutzen ziehen können. Das ist fahrlässig, angesichts der heutigen Alternativen auch arrogant und gleichwohl auch selbstzerstörerisch für uns.

Das ist der Grund, warum wir uns für die Initiativen "Moratorium plus" und "Strom ohne Atom" einsetzen.