Bischof Pirmin · Ständerat · 2019-06-20
Bischof Pirmin · Ständerat · Solothurn · CVP-Fraktion · 2019-06-20
Wortprotokoll
Sollen wir jetzt zwei Wochen Vaterschaftsurlaub einführen oder nicht? Das ist die Kernfrage, die sich heute stellt, neben allen anderen Modellen, die man auch noch diskutieren kann. Mehrheitsfähig, realistisch und möglich sind heute zwei Wochen. Ja oder nein?
Erlauben Sie mir hier einen Blick von ganz oben und einen Blick von ganz unten. Von ganz oben als Wirtschaftspolitiker: Wenn ich mit CEO von grossen schweizerischen Unternehmen spreche, die international tätig sind, dann höre ich, dass die ein Problem haben, das wissen Sie, das Problem ist der Fachkräftemangel. Der Fachkräftemangel ist in der Schweiz zum Teil selbstgemacht. Wenn Sie mit CEO sprechen, dann sagen die, dass sie eigentlich gute Chancen haben, weltweit Fachkräfte für die Schweiz anzuwerben. Die Schweiz - sagen junge Bewerberinnen und Bewerber, die in die Schweiz kommen möchten - ist ein schönes Land. Switzerland is beautiful! Die Lebensqualität ist hoch, die Schulen für unsere Kinder sind gut, die Löhne sind hoch, die Verkehrsverbindungen sind gut. Aber ein familienfreundliches Land ist die Schweiz überhaupt nicht aus der Sicht von Jungen, die sich überlegen, in die Schweiz zu kommen, um zu arbeiten - überhaupt nicht! Das ist die einhellige Aussage dieser Firmenführer.
Nun haben diese Firmen darauf reagiert; man kann einwenden, dass es keinen Vaterschaftsurlaub braucht, dass die Firmen das selber machen können. Novartis bietet seinen Vätern 90 Tage Vaterschaftsurlaub, aber auch rein schweizerische Firmen - Coop, Migros, Swisscom, Zurich-Versicherung, Raiffeisen - bieten immerhin 15 Tage. Herr Kollege Caroni, die Ikea-Version des Vaterschaftsurlaubes gibt es schon. Ikea bietet seinen Mitarbeitern 30 Tage Vaterschaftsurlaub, da muss man nicht selber basteln, das hat Ikea schon.
Jetzt kann man sagen, die Firmen können das ja machen, das überlassen wir ihnen. Ich sage Ihnen jetzt noch einmal ein Wort dieser CEO. Natürlich sagen die: Wir bieten grosszügige Vaterschaftsurlaube. Aber im Image, bei der Frage, ob ich in die Schweiz komme oder nicht, spielt es eben eine Rolle, welches Signal ein Staat abgibt. Sind wir ein Staat, der an sich Kinder und Väter und Mütter mit deren Kindern willkommen heisst, oder sind wir kein solcher Staat? Dieses Signal gibt nicht nur der Arbeitgeber ab, das gibt eben auch der Staat ab. Der Staat gibt bisher in der Schweiz ein kaltherziges, ein schlechtes Signal ab. Das möchten wir ändern.
Und jetzt der Blick von ganz unten. Kollege Caroni hat es gesagt: Wir sind jetzt noch drei aktive Väter in diesem Saal. Meine jüngste Tochter hat letztes Wochenende gerade ihren ersten Geburtstag gefeiert. Wie sieht jetzt die eingangs gestellte Frage aus, nicht aus der Sicht der CEO der grossen Firmen, sondern aus der Sicht der Kinder? Wie ist der Vaterschaftsurlaub aus der Sicht der Kinder zu beurteilen? Subjektiv können Kollege Schmid, Kollege Caroni und ich selber unsere Erlebnisse mit der Geburt und mit den täglichen Freuden und auch mit den Sorgen, die wir mit den Kindern haben, erzählen. Das machen wir ja auch gerne, aber man kann das auch wissenschaftlich anschauen. Haben die Kinder etwas von einem Vaterschaftsurlaub, oder haben sie nichts davon? Ist es so, wie der Minderheitssprecher gesagt hat, dass der Vaterschaftsurlaub zwar "nice to have" ist, aber eigentlich eine unnötige Aufplusterung des Sozialstaates? Ist das so?
Wenn Sie die Studien ansehen - da bin ich jetzt wahrscheinlich auch wegen meiner Kinder etwas vorbelastet; ich habe mich mal damit beschäftigt -, dann sehen Sie, dass die Resultate eigentlich schon sehr eindeutig sind. Es gibt amerikanische, australische und deutsche Studien zu dieser Frage.
Zunächst einmal sagen die Studien eindeutig, dass die Zeit, die die Mutter mit einem Kind verbringt, sehr entscheidend für das spätere Leben ist. Gerade auch die längere Stillzeit selber - nur schon die längere Stillzeit! - habe eine direkte positive Auswirkung auf die Gesundheit der Kinder. Kinder, die als Babys länger gestillt worden sind, haben ein geringeres Risiko, später Übergewicht oder Diabetes zu haben. Sie können das glauben oder nicht. Das betrifft die Mutter. Und jetzt der Vater - spielt er keine Rolle? Nein, stillen kann ich [PAGE 561] als Vater nicht, das stimmt. Aber zu dieser Frage sind die Studien halt schon auch sehr klar: Kinder, die mit einem Vater, der Vaterschaftsurlaub bezogen hat, oder mit einem Elternurlaubsmodell aufgewachsen sind, sind später gesünder. Solche Kinder sind später gesünder, und zwar insbesondere Kinder aus Familien, die aus tieferen sozialen Schichten kommen. Das ist ein Faktum, das zu berücksichtigen ist. Ein Vaterschaftsurlaub ist nicht einfach "nice to have".
Jetzt zur Auswirkung der vom Vater bezogenen Elternzeit respektive des Vaterschaftsurlaubs auf die Kinder: Eine deutsche und eine amerikanische Studie sagen, dass eine stärkere Beteiligung der Väter an der Betreuung der Kinder in der ganz frühen Kindheit - also von Kindern nach der Geburt, von Babys - sich positiv auf die kognitive und emotionale Entwicklung des Kindes auswirkt. Eine solche Beteiligung der Väter habe einen substanziellen Einfluss auf die schulischen Leistungen der Kinder. Eigentlich ist es wirklich erstaunlich, wenn man das hört! Aber das scheint schon zu stimmen. Da gibt es nicht nur die subjektive Vater-Empfindung, die man erlebt, sondern eben auch weitere Auswirkungen, die die Wissenschaft bestätigt.
Bereits eine kurze Elternzeit - und von der sprechen wir ja hier, es ist ja wirklich nur ein Anfang, den wir heute vielleicht beschliessen - führt dann später zu einer intensiveren Beteiligung des Vaters an der Kinderbetreuung und führt zu einer höheren Erziehungskompetenz der Väter. Das wird wahrscheinlich schon so sein, und das stärkt die Beziehung zwischen Vater und Kind.
Also von unten betrachtet, aus der Sicht des Kindes, ist die Beziehung zum Vater, ist ein Vaterschaftsurlaub nicht einfach "nice to have". Und von oben und von unten betrachtet ist es jetzt an der Zeit, diesen Schritt zu machen, diesen kleinen Schritt weg vom familienunfreundlichen Land.
Ich bitte Sie, dem Gegenentwurf zuzustimmen.