Roth Franziska · Nationalrat · 2019-12-17
Roth Franziska · Nationalrat · Solothurn · Sozialdemokratische Fraktion · 2019-12-17
Wortprotokoll
"Wer zum Beispiel im Büro arbeitet, kann niemanden aufgrund eines falsch verabreichten Medikaments tödlich gefährden, hat aber deutlich mehr Lohn als ich. Wer im Büro arbeitet, hat selten bis nie Nachtschicht. Ich habe wenig Freizeit. Und viele meiner Kolleginnen gehen physisch und psychisch kaputt." Das sind die Worte einer Fachfrau Gesundheit. Auf meine Frage, ob sie in zehn Jahren noch in der Pflege arbeiten möchte, sagte sie klar Nein. Klingt das resigniert? Es kommt noch dicker: Die Frau ist erst zwanzig Jahre alt.
Mit 87 Prozent ergreifen mehrheitlich Frauen einen Pflegeberuf - meist aus idealistischen Gründen. Sie sind mit Herzblut dabei und wollen für andere da sein. Unhaltbare Arbeitsbedingungen machen ihnen dann einen Strich durch die Rechnung. Immer mehr gut qualifizierte Pflegende werden benötigt, aber stetig jünger steigen die Fachpersonen wieder aus. Fachpersonal fehlt an allen Ecken und Enden, an all unseren Pflegebetten. In Form von modernem Raubrittertum rekrutieren wir dann Pflegepersonal aus den umliegenden Ländern, welches dann dort wiederum fehlt. [PAGE 2301]
Wie reagieren wir? Mit oberflächlichen Massnahmen und mittels reiner PR-Konzepte gelingt es nicht, den Pflegeberuf attraktiver zu machen. Themen wie Vereinbarkeit von Beruf und Familie, mehr Personal, mehr Lohn, mehr Verantwortung, mehr Ausbildung und weniger Administration durch mehr Digitalisierung sind hier die Stichworte. Interprofessionalität ist ebenfalls ein wichtiges Stichwort. Interprofessionalität verstärkt die Zusammenarbeit unter den Gesundheitsberufen, und sie stärkt das Image. Gewisse Pflegeleistungen, die bisher nur von Ärzten erbracht worden sind, werden auf diverse Fachkräfte des Gesundheitswesens übertragen.
In der Solothurner Spitäler AG hat die Pflegedienstleistung in Zusammenarbeit mit dem Personaldienst ein hervorragendes Wiedereinstiegsprogramm erarbeitet. Zudem zeigt die Solothurner Spitäler AG auf, dass die fallführende Pflege bestens funktioniert. In enger Kooperation mit dem ärztlichen Dienst übernehmen dabei Pflegefachpersonen ab Master-Stufe - sprich: hochqualifiziertes Personal, das ökonomisch und medizinisch ein breites Wissen hat - Aufgaben, die man bis jetzt nur dem Arzt zugeschrieben hat. Diese Modelle funktionieren auch ausserhalb der Spitäler und sind so ein effizienter und kostengünstiger Beitrag gegen den Hausärztemangel in den Regionen, und die Qualität ist gesichert. Beide Fachgruppen verfügen über eine spezifische Ausbildung, erbringen von der Gesellschaft gewünschte Dienstleistungen, haben ein gemeinsames Ziel und denselben ethischen Grundsatz. Vor allem sind sich beide Berufsgruppen bewusst, dass sie aufeinander angewiesen und voneinander abhängig sind.
Pflegefachleute verfügen über die Kompetenz zu entscheiden, welche Interventionen notwendig sind und wo sie den Rat weiterer Gesundheitsfachleute, etwa von Hausärztinnen und Hausärzten, brauchen. Zudem sind sie verpflichtet, sich an die von den Sozialversicherungsgesetzen gemachten Vorgaben zu halten. Die Ausrede einer Mengenausweitung ist diffamierend und widerspricht dem Berufsethos, dem Pflegende täglich nachleben. Eigentlich müssen wir nur in den Spiegel schauen und uns als Politikerinnen und Politiker fragen: Braucht es für das Anziehen von Kompressionsstrümpfen oder für die Unterstützung bei der Körperpflege eine Unterschrift des Arztes? Die Antwort ist Nein, denn diese Tätigkeiten müssen in den eigenständigen Bereich der Pflegefachpersonen gehören; dafür werden sie ausgebildet, und sie haben das nötige Fachwissen. Als Privatperson muss ich mich fragen: Will ich, wenn ich auf Pflege angewiesen bin, tiefere Kosten um jeden Preis? Oder will ich Qualität? Will ich z. B. nachts eine Pflegende, die noch für dreissig andere Patientinnen und Patienten zuständig ist?
Für mich liefert die Initiative die richtige Antwort und der Gegenvorschlag bis jetzt nicht - es sei denn, wir verbessern ihn mit einer Annahme der Minderheitsanträge.