Rytz Regula · Nationalrat · 2020-06-18
Rytz Regula · Nationalrat · Bern · Grüne Fraktion · 2020-06-18
Wortprotokoll
Wir haben heute Morgen lange über die Situation der Gleichstellung während und nach der Corona-Krise gesprochen. Es war eine wichtige Aussprache, auch im Hinblick auf den Dank an all diese Frauen, die mit den Männern zusammen, aber auch ganz speziell in besonders betroffenen Berufen und Bereichen einen grossen Teil der Bewältigung dieser Corona-Krise mitgetragen haben, und auch im Hinblick darauf, dass es wichtig ist, dass wir diese Arbeit anerkennen.
Die Gleichstellung ist ein Thema, das in der Bundesverfassung verankert ist als Bürgerrecht, wonach alle Menschen, die hier leben, unabhängig von ihrem Geschlecht und ihrer Herkunft gleiche Rechte und Würde haben und auch die gleichen realen Möglichkeiten, ihre Berufs- und Lebenschancen zu entwickeln. Wenn wir schauen, wie die Situation heute in vielen Bereichen aussieht - ich denke z. B. an Gewalt im häuslichen Umfeld -, dann sehen wir, dass wir diese Gleichstellung in vielen Bereichen noch nicht erreicht haben.
Wir haben heute Morgen darüber gesprochen, wie die aktuelle Situation ist. Wenn wir uns aber auch damit auseinandersetzen, warum denn die Umsetzung der tatsächlichen Gleichstellung in sehr, sehr vielen Bereichen unserer Gesellschaft immer noch sehr zäh verläuft, dann stellen wir fest, dass es eben sehr oft auch historische Stereotype sind, auch frühere Rechtsungleichheiten, die immer noch in unsere reale Welt hineinspielen, bei denen es noch nicht gelungen ist, sie zu überwinden und zu zeigen, dass Männer und Frauen die gleichen Potenziale, Talente und Fähigkeiten haben. Man kann dem auch Sexismus sagen, das ist sozusagen das Fachwort dafür. Es geht letztlich um stereotype Rollenbilder, die die Freiheiten von Männern und Frauen, zu wählen, wie sie leben wollen, einschränken, und zwar für beide Seiten.
Die Schweiz hat sich im Rahmen des UNO-Übereinkommens zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau dazu verpflichtet, Massnahmen zu treffen, um solche stereotype Rollenbilder zu überwinden. Dazu ist es, neben der rechtlichen Gleichstellung, sehr wichtig, dass wir z. B. auch mit Jugendlichen in den Schulen arbeiten, dass wir Arbeitgebern z. B. in Form von Kampagnen aufzeigen, wie sie mithelfen können, diese zum Teil sehr tief verankerten Ideen darüber, was Frauen und Männer leisten sollen, welche Rolle sie in unserer Gesellschaft haben, und damit auch die negativen Folgen dieser tradierten Stereotype zu überwinden.
Der Bund hat sehr gute Erfahrungen mit Informationskampagnen gemacht, mit denen man eben solche Probleme ansprechen und den Menschen auch Handlungsmöglichkeiten aufzeigen kann, wie sie zu einem modernen, wirklich partnerschaftlichen Zusammenleben - auch in der Gleichstellungsfrage - kommen können. Die Aids-Kampagne ist ein Beispiel für eine erfolgreiche Kampagne, aber auch die Kampagne zur Förderung erneuerbarer Energien.
Mein Ansatz ist jetzt, dass wir vom Bund her auch mitzuhelfen versuchen, in den Schulen, an den Arbeitsplätzen, in Wirtschaft, Gesellschaft, Bildung und Kultur mit einer Kampagne eben diese tradierten Stereotype zu überwinden. Ich bin sehr froh, hat der Bundesrat gesagt, dass er das machen möchte, und zwar im Rahmen seiner finanziellen Möglichkeiten - das ist auch richtig so - und auch in enger Zusammenarbeit mit den Kantonen und den Akteuren der Wirtschaft, der Zivilgesellschaft, der Bildung und der Kultur.
Warum ist das nötig? Ich möchte Ihnen einfach noch zwei, drei Beispiele nennen, damit Sie das nicht in der vielleicht polarisierten Debatte von heute Morgen einordnen: Es ist einfach eine Tatsache, dass in der Schweiz fast alle zwei Wochen wegen eines Delikts im Bereich der häuslichen Gewalt eine Frau ihr Leben verliert. Frauen werden viermal häufiger Opfer von häuslicher Gewalt als Männer. Bei den tödlich endenden Fällen ist der Unterschied noch viel grösser, hier ist der Frauenanteil siebenmal so hoch wie bei den Männern.
Wir haben sehr viele Informationen und Daten darüber, wie stark sexuelle Belästigung im ganzen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben auch heute noch normal zu sein scheint. Eine Kampagne, eine Präventionskampagne gegen Sexismus, soll eben genau dem vorbeugen, auch zum Beispiel im Bereich der sozialen Netze. Der Anteil von harter Pornografie, von Belästigung auch über Social Media ist etwas, was zunimmt und nicht abnimmt, obwohl wir doch hier eigentlich auf gleicher Augenhöhe und mit Respekt voreinander zusammenleben möchten.
Deshalb möchte ich Sie bitten, diesen Vorstoss zu unterstützen, und danke dem Bundesrat, dass er ihn umsetzen will.