Christ Katja · Nationalrat · 2021-03-10
Christ Katja · Nationalrat · Basel-Stadt · Grünliberale Fraktion · 2021-03-10
Wortprotokoll
Die Initiative hat die Vision einer Welt ohne Tierversuche. Diesen Wunsch haben wir wohl alle. Die wesentliche Frage ist, wie wir das erreichen oder welchen Preis wir bezahlen, wenn wir Tierversuche verbieten, bevor wir Alternativen haben. Das Ziel, menschliches Leiden zu lindern, steht dem Ziel gegenüber, das Leiden von Tieren zu vermeiden. Was sind die Folgen, wenn wir auf Tierversuche ganz verzichten und diese gesetzlich verbieten? Nicht nur die Initiative wie auch der direkte Gegenvorschlag verlangen das. Nein, auch der Rückweisungsantrag der Kommissionsminderheit verlangt, auf Tierversuche des Schweregrades 3 ganz zu verzichten. Aber auch Tierversuche des Schweregrades 3 sind leider nach wie vor unerlässlich für die Entwicklung sicherer Arzneimittel und Therapien gegen hochkomplexe Krankheiten wie zum Beispiel Multiple Sklerose oder rheumatoide Arthritis.
Die Lösung des Dilemmas ist, dass wir Tierversuche nicht alternativlos verbieten, sondern auf Tierversuche verzichten können, weil die nachhaltige Weiterentwicklung alternativer Forschungsmethoden diese überflüssig gemacht haben. Denn Alternativen zu Tierversuchen sind nicht nur wichtig, um das Leiden der Tiere zu vermeiden. Auch wenn Tierversuche in der Vergangenheit für die Forschung wichtige Erkenntnisse geliefert haben, belegt die moderne Forschung selbst immer häufiger, dass Tierversuche auch erhebliche Mängel haben: schlechtes Studiendesign, fehlende Reproduzierbarkeit der Ergebnisse und teilweise nur ansatzweise Übertragbarkeit der Ergebnisse auf den Menschen.
Medikamente wie Aspirin wären nie auf den Markt gekommen, wenn sie Tierversuche hätten bestehen müssen. Es ist sicher, dass heute potenzielle Medikamente aufgegeben werden, weil sie bei Tieren zu viele Nebenwirkungen verursachen. Aber wer weiss, vielleicht hätten sie, wie Aspirin, Millionen von Menschenleben gerettet. Tierversuche vermitteln einen falschen Eindruck von Sicherheit. Ratten zum Beispiel reagieren 300-mal weniger empfindlich auf Asbest als Menschen. Die Erkenntnisübertragung vom Tierversuch auf den Menschen ist nach wie vor unzureichend und fehleranfällig. Auch die Entstehung von Krankheiten beim Menschen unterscheidet sich stark von derjenigen bei Tieren in Tierversuchen. Diese grundlegenden Mängel behindern und verlangsamen den medizinischen Fortschritt mehr, als sie ihn beflügeln.
Anstatt aber Radikalforderungen durchsetzen zu wollen, sollten wir die Strategie unterstützen, vom Tierversuch wegzukommen, und deshalb die Förderung, Entwicklung und Implementierung der 3R-Forschung, insbesondere von Ersatzmethoden, nicht nur zaghaft unterstützen, sondern geradezu ankurbeln.
Mit geeigneten Alternativen können und müssen belastende Tierversuche ersetzt und Tierversuche auf ein Minimum reduziert werden. Wir sind der Ansicht, dass eine tierversuchsfreie Forschung mit rückschrittlichen Forderungen nicht unterstützt wird. Vielmehr sehen wir die Zukunft in einer innovativen Forschung, ohne Tierleid und Tierverschwendung, als Basis für mehr Qualität und Aussagekraft für den Menschen und seine Gesundheit. Es stellt sich für uns nun die Frage, wie wir dieses Ziel erreichen können, um dem berechtigten Anliegen der Initiative Rechnung zu tragen, ohne jedoch mit folgenschweren Verboten arbeiten zu müssen.
Der Bundesrat hat die Zeichen bereits erkannt und ein neues nationales Forschungsprogramm 3R lanciert. Mit der Schaffung des 3R-Kompetenzzentrums übernehmen die Hochschulen und die Pharmaindustrie die Verantwortung für die Etablierung einer 3R-Kultur in der Schweiz. Das ist ein Anfang und birgt durchaus Hoffnung. Aber das Programm und seine Finanzierung dauern fünf Jahre. Was kommt danach? In welchem Verhältnis stehen die dafür gesprochenen finanziellen Mittel zu jenen, die in die Tierversuche selbst fliessen?
Wenn wir die Initiative und ihr Anliegen ernst nehmen, dann braucht es unseres Erachtens klare gesetzliche Grundlagen, damit die 3R-Forschung mehr Ressourcen und Anreize erhält, um Alternativen zu den Tierversuchen auch wirklich rascher voranzutreiben. Ohne Anreize wird der Prozess nur schleppend vorankommen und Extremforderungen weiter nähren. Auch zeigt uns die Pandemie, dass Tierversuche viel Zeit in Anspruch nehmen und dass es höchste Zeit ist, effektivere Werkzeuge zum Wohle der Menschheit zu entwickeln.
Um von Tierversuchen wegzukommen, muss die 3R-Forschung massiv gefördert und mit Anreizen unterstützt werden. Deshalb bittet die grünliberale Fraktion, den Einzelantrag Christ zu unterstützen, der eine Rückweisung an die Kommission fordert, damit sie einen Entwurf ausarbeitet, um die Förderung der 3R-Forschung gesetzlich zu verankern. Somit würden die Forderungen der Initiative nicht alternativlos stehengelassen.
Aus den eben genannten Gründen wird die grünliberale Fraktion die Initiative ablehnen und die Rückweisung an die Kommission zur Ausarbeitung eines indirekten Gegenentwurfes unterstützen.