Lexipedia

Mäder Jörg · Nationalrat · 2021-03-17

Mäder Jörg · Nationalrat · Zürich · Grünliberale Fraktion · 2021-03-17

Wortprotokoll

Eine Mausefalle besteht aus zwei Komponenten: aus einem Köder, der anlockt, und einem Mechanismus, der im richtigen Moment zuschnappt. Zigaretten und andere Rauchprodukte funktionieren genau gleich, d. h., der Geschmack und das Image fungieren als Köder, etwas später schlägt das Nikotin zu. Damit wird aus einem neugierigen Menschen ein Stammkunde, auch bekannt als Süchtiger.

Nun, eine Maus ist intellektuell nicht in der Lage, eine Mausefalle als solche zu erkennen, was ihr letztlich zum Verhängnis wird. Wir Menschen sollten aber wohl in der Lage sein, die Risiken und Nebenwirkungen des Rauchens sauber einzuschätzen, oder nicht? Na ja, grundsätzlich ist der Mensch zwar zur Vernunft befähigt, trotzdem gibt es bezüglich der Häufigkeit ihrer Anwendung recht grosse Unterschiede.

Wenn Sie Eltern zum Thema Jugendliche und Vernunft befragen, werden Sie einiges zu hören bekommen. Nun steht aber genau diese Altersgruppe im Fokus der Industrie. Ja, ich weiss, die Anbieter würden nie und nimmer Werbung platzieren, die direkt mit Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren arbeitet; das wäre politischer Selbstmord. Man kann der Branche vieles vorwerfen, Dummheit gehört nicht dazu. Die Werbung zeigt aber primär junge Erwachsene, eigenständig und unabhängig, kantig, aber auch cool - also genau so, wie die Jugendlichen möglichst schnell selber werden wollen. Oder haben Sie schon jemals eine Raucherwerbung gesehen, die 55-jährige Steuerberater mit Glatzenansatz in den Fokus stellt? Genau!

Wir haben also Werbung, die für Jugendliche attraktiv ist, für Jugendliche, welche die Folgen ihrer Handlungen nur bedingt [PAGE 548] einschätzen können und noch weniger die daraus folgenden Erkenntnisse berücksichtigen möchten. Und schon haben Sie ein Geschäftsmodell, das auf Image, Sucht, Nikotin und Zynismus beruht. Ja, Zynismus! Die Hersteller wissen, dass sie die Lebenserwartung ihrer Kunden reduzieren, und zwar signifikant.

Die Initiative möchte nun, dass der Köder etwas weniger Reichweite erhält. Das wird das Problem zwar nicht lösen, das Ziel aber doch etwas näher bringen. Wir Grünliberalen unterstützen diese Initiative deshalb. Ja, wir schränken damit die wirtschaftliche Freiheit ein. Aber für uns sind die Verletzlichkeit und die Verführbarkeit der Kinder und Jugendlichen, die Gesundheit der kommenden Generation doch gewichtiger als ein Geschäftsmodell, das auf süchtig machenden Substanzen beruht. Wir bejahen aber nicht nur diese Initiative, sondern sind auch bereit, an einem griffigen Gegenvorschlag mitzuarbeiten, wie wir bereits bewiesen haben.

Jetzt werden sich einige fragen - wir haben das schon in einigen Voten gehört -, wo denn das aufhöre: Werden bald zuckerhaltige Produkte mit einem Werbeverbot belegt? Und was ist mit Cannabis? Das wollt ihr ja legalisieren, das ist doch ein Widerspruch!

Zum Zucker: Auch der hat, wie vieles andere, ein Suchtmittelpotenzial, aber es ist in mehrfacher Hinsicht deutlich tiefer. Zum einen braucht es längeren und intensiveren Konsum, bis sich die Sucht entwickelt, und zum andern ist der Entzug im Vergleich zum Entzug beim Rauchen auch einfacher. Aber vor allem ist Zucker lebensnotwendig, Nikotin nicht. Beim Zucker geht es um die richtige Dosis. Beim Nikotin liegt sie bei exakt null Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht. Ich persönlich bin klar dafür, dass jeder schnell und einfach erkennen soll, in welchen Produkten es übermässig viel Zucker drin hat und in welchen nicht, so eine Art Öffentlichkeitsprinzip, Transparenz oder wie auch immer Sie das nennen wollen.

Zum Kiffen: Cannabis gehört für uns legalisiert, nicht aber die Werbung dafür - also die genau gleiche Ausgangslage wie bei den Raucherwaren. Warum nicht ganz verbieten? Es gibt leider Produkte, die illegal noch verführerischer sind als sonst. Zudem muss man die Auswirkung des Schwarzmarktes beachten. Diesen wird es sofort geben, respektive es gibt ihn schon. Das mag nicht immer intuitiv sein, aber die Geschichte der Menschheit zeigt genau das, immer und immer wieder - Stichwort Prohibition. Zu guter Letzt: Cannabisprodukte gehören genau wie Raucherwaren besteuert, und die Einnahmen sollen unter anderem die Prävention finanzieren.

Es ist nicht immer einfach, die Linie zwischen gesellschaftlicher Verantwortung und individueller Freiheit zu ziehen. Aber genau das ist eine der Aufgaben der Politik, im Parlament und, in einer direkten Demokratie wie der unseren, ab und zu auch draussen, an der Urne. Die Mehrheit von uns will hier die Linie neu ziehen. Kinder und Jugendliche in eine Abhängigkeit zu verführen, ist kein Geschäftsmodell, das unter dem Schirm einer liberalen Wirtschaft Schutz finden soll.

Ich danke Ihnen für Ihre Unterstützung!