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Mettler Melanie · Nationalrat · 2021-06-16

Mettler Melanie · Nationalrat · Bern · Grünliberale Fraktion · 2021-06-16

Wortprotokoll

Ihre Kommission und der Bundesrat empfehlen Ihnen, einen Bericht zu den Auswirkungen, die eine grosse Anzahl von langwierigen Genesungsprozessen nach Covid-19-Infekten zur Folge hat, in Auftrag zu geben. Es ist bekannt, dass unser Gesundheits- und Sozialversicherungssystem langwierige Genesungsprozesse, die nicht chronische Erkrankungen sind, schlecht organisieren und betreuen kann. Aktuell zeigt sich das beim Umgang mit Personen, die langsam von Covid-19-Infekten genesen.

Langwierige Genesungsprozesse sind nicht nur für Betroffene ein Risiko, sondern auch für unsere Volkswirtschaft. In der medizinischen Versorgung und in den verschiedenen Versicherungssystemen wird zwischen Krankheit und chronischer Krankheit unterschieden. Dies hat nicht nur Auswirkungen auf die medizinische Behandlung und Betreuung, sondern auch auf die Zuständigkeit von Versicherungen, deren Kassen in unterschiedlichen Finanzierungslogiken funktionieren.

Die Situation einer längeren Genesungsphase von mehreren Monaten oder gar mehreren Jahren ist in der Versicherungslogik nicht vorgesehen. Insbesondere bei Erwerbstätigen kann es zu Schnittstellenproblemen kommen. Selbstständige und kleine Unternehmen mit wenigen Angestellten decken die ersten paar Wochen Krankheit häufig selbst, da diese Risikoabdeckung durch einen Krankentaggeldversicherer kaum finanzierbar ist. Im Anschluss daran oder in [PAGE 1405] manchen Versicherungsangeboten auch bei einer reduzierten Arbeitsfähigkeit fällt die Deckung durch den Taggeldversicherer weg. Im System vorgesehen ist, dass dann die Invalidenversicherung zum Zug kommt, da diese für chronische Beeinträchtigungen zuständig ist.

Diese Schnittstellen sind aber aktuell schlecht entwickelt und nicht standardisiert, sondern in jedem Kanton und bei jeder Versicherung ein bisschen anders. Sie müssen im Einzelfall von den Betroffenen oder, wenn sie Glück haben, ihren Arbeitgebenden selbst verhandelt werden. Dies ist in den allermeisten Fällen eine Überforderung. Dazu kommt, dass die IV für Fälle mit Genesungsprognosen oft nicht zuständig ist und somit Betroffene zwischen Kassen hin und her geschoben werden. Bei einer Teilarbeitsfähigkeit verkompliziert sich die Situation zusätzlich. Dies führt zum Dilemma, dass medizinischen Betreuungspersonen ein Anreiz geboten wird, zugunsten der ökonomischen Situation ihrer Patienten und Patientinnen 100 Prozent Arbeitsunfähigkeit zu bescheinigen. Für die Genesung ist dies aber erwiesenermassen kontraproduktiv, weil es negative Auswirkungen auf die Wiedereinstiegschancen von Betroffenen hat.

Zusätzlich ist im Fall von langwierigen Genesungsprozessen auch die medizinische Betreuung oft nicht bedarfsgerecht. Leistungen für die Betreuung während langwieriger Genesungsprozesse sind teilweise schlecht verrechenbar. Erschwerend kommt dazu, dass gerade bei Genesungsprozessen nach Erkrankungen, für deren Behandlung hochspezialisierte medizinische Leistung nötig war, die Schnittstellen, Prozesse und der Informationsaustausch zwischen den Hochspezialisierten und den Hausärzten und Hausärztinnen, die im Anschluss die Betreuung begleiten, oft nicht gut genug sind. Betroffene fühlen sich von ihren medizinischen Betreuungspersonen im Stich gelassen und befinden sich rasch in ökonomischen Risikosituationen, einerseits durch die mangelhafte Sicherheit beim Erwerbseinkommen und andererseits durch den hohen Anteil von selbst getragenen Kosten in Genesungsphasen.

Die Aktualität des langwierigen Prozesses bei der Genesung von einer Covid-19-Erkrankung - man kennt den Zustand unter dem Namen Long Covid - stellt für uns eine Chance dar. Sie haben vielleicht auch die eindrücklichen Dokumentationsfilme zu Einzelfällen gesehen, bei denen die Genesung nicht so rasch vorangeht, wie man es sich wünscht. Die Aktualität gibt uns die Chance, die Thematik der langwierigen Genesungsprozesse zu evaluieren.

Im Bericht, den Sie in Auftrag geben, sollen deshalb die verschiedenen Aspekte von langwierigen Genesungsprozessen und von Long Covid untersucht werden, dies im Hinblick auf die Auswirkungen auf die Sozialversicherungen, insbesondere auf die Invalidenversicherung. Untersucht werden sollen die Schnittstellen zwischen Versicherern und anderen Akteuren. In den verschiedenen Phasen des Genesungsprozesses sollen Lücken identifiziert und Anpassungen vorgeschlagen werden. Armutsrisiken von Betroffenen sind zu evaluieren. Weiter sollen Massnahmen für Szenarien, in denen eine verhältnismässig hohe Anzahl von Personen von langwierigen Genesungsprozessen betroffen ist, vorgeschlagen werden. Allfällige weitere Risiken sollen identifiziert werden.

Ich danke Ihnen für die Unterstützung dieses Kommissionspostulates.