Fiala Doris · Nationalrat · 2022-03-02
Fiala Doris · Nationalrat · Zürich · FDP-Liberale Fraktion · 2022-03-02
Wortprotokoll
Die Gletscher-Initiative liest sich sympathisch, auf den ersten Blick einleuchtend, und die Stossrichtung ist ideell betrachtet wichtig und richtig. Wer sich vergegenwärtigt, dass der Klimawandel unbestritten zu den grössten globalen Risiken überhaupt gehört, wäre geneigt, zuzustimmen. Bereits vor Jahren besuchte die APK des Nationalrates in Indien, u. a. in Delhi, einen Thinktank und befragte diesen zu den grössten Risiken. Genannt wurde als Erstes nicht etwa die Proliferation seitens Pakistan, sondern als grösstes Risiko überhaupt wurden die Millionen und Millionen Klimaflüchtlinge aufgrund der klimabedingten Überschwemmungen genannt.
Das Thema der Gletscher-Initiative nehme ich daher sehr, sehr ernst. Allerdings gibt es auch bei diesem Thema Güterabwägungen vorzunehmen. Ich persönlich bin nicht gewillt, auf zivilisatorische Errungenschaften zu verzichten. Sind Sie es? Ich bin für das Pariser Abkommen und für den Absenkpfad und spreche mich sehr für Wasserkraft aus. Ich habe zudem eigens die parlamentarische Gruppe Wasserstoff gegründet, und ich sage Nein zu einem Technologieverbot sowie Nein zu einem Denkverbot betreffend die Kernenergie. Denn Kernenergie ist punkto Klimawandel sicher eine Antwort.
Ich bin mir bewusst, dass wir das diesbezügliche Abfallproblem lösen müssen. Ich banalisiere diese Problematik überhaupt nicht. Sicherheit ist auch in diesem Punkt erste Staatsaufgabe. Mein verstorbener Mann war als Ingenieur-Chemiker nach dem Unfall in Tschernobyl jahrelang mit russischem Militär an den Aufräumarbeiten vor Ort beteiligt. Dennoch betonte er stets, Tschernobyl und besonders auch Fukushima würden aus seiner Sicht keinen Grund darstellen für unseren panischen Ausstieg aus der Kernenergie.
Netto null ohne Kernenergie, netto null ohne Rahmenabkommen, netto null ohne Stromabkommen: Ich meine, netto null ohne massive Einbussen bei unseren zivilisatorischen Errungenschaften, zum Beispiel in der Mobilität oder in der Digitalisierung, ist eine Illusion. Ich bin nicht für Illusionen. Intellektuell redlich ist es, wenn auch die linke Ratshälfte aufzeigt, wo in ihrer idealisierten Vorstellung der Wille zum Kompromiss vorhanden ist.
Liebe Klimaschützer, Ihre Sorge höre ich wohl. Ihre Güterabwägung erkenne ich noch zu wenig. Wasserkraft, Erhöhung der Staumauern: Sagen Sie dazu Ja? Windräder in Ihrer näheren Umgebung: Sagen Sie auch dazu Ja? Kernenergie: Dürfen wir weiterhin forschen? Dreimal Ja, und Sie haben mich auf Ihrer Seite. Ich bin gespannt.
Vorerst werde ich mich der Stimme enthalten, und zwar nicht, weil ich keine Meinung habe, sondern gerade, weil ich mich mit dem Thema auseinandergesetzt habe und eine klare Meinung vertrete. Es bedarf der Kompromisse. Ich bin gespannt, ob wir diese gemeinsam finden werden.