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Streiff-Feller Marianne · Nationalrat · 2022-06-08

Streiff-Feller Marianne · Nationalrat · Bern · Die Mitte-Fraktion. Die Mitte. EVP. · 2022-06-08

Wortprotokoll

Die vorliegende Motion will, dass in der Schweiz Menschen künftig nicht mehr für Sex gekauft werden dürfen. Zudem verlangt sie breite, existenzsichernde Ausstiegsangebote für Prostituierte sowie wirkungsvolle Aufklärungs-, Präventions- und Bildungsmassnahmen in der Schweiz und den Herkunftsländern der Prostituierten. Weshalb?

Laut Studien würden 89 Prozent aller Frauen sofort aus der Prostitution aussteigen, wenn sie denn könnten. In den allermeisten Fällen prostituieren sie sich aus einer Notlage heraus oder unter Zwang. Es gibt also kaum Prostitution ohne Zwang; fast immer erfolgt sie über einen Zuhälter, einen Clan, den eigenen Partner oder aus sozialer Not.

Faktisch ist Prostitution nichts anderes als ein Akt bezahlter sexueller Gewalt. Sie verstösst gegen die Menschenwürde und die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Eine Gesellschaft, die Gleichstellung ernst meint, kann nicht akzeptieren, dass ein Mensch den Körper eines anderen für Geld kauft.

Nicht wenige unter uns finden das Anliegen meiner Motion richtig, halten das nordische Modell aber für ein falsches oder wirkungsloses Mittel. Darauf entgegne ich mit folgenden fünf Punkten:

1.[NB]Verschiedene Studien belegen, dass Prostitution durch das nordische Modell nicht unsicherer wird, sondern sogar sicherer. Mit dem Freierverbot können Frauen gewalttätige Kunden jederzeit anzeigen, ohne dass ihnen selbst etwas passiert.

2.[NB]Weder die Liberalisierung noch die Legalisierung von Prostitution verbessern die Arbeitsbedingungen für Prostituierte nachweislich. Im liberalen Deutschland etwa erleiden neun von zehn Prostituierten körperliche Gewalt.

3.[NB]Die langjährigen Erfahrungen des Stockholmer Polizeiinspektors und Buchautors Simon Häggström sowie Evaluationen aus Schweden und Norwegen zeigen, dass die Prostitution nicht in den Untergrund abwandert. Denn Käufer und Verkäufer müssen sich gegenseitig finden - und damit findet sie auch die Polizei.

4.[NB]Gesetze haben normative Wirkung. Die meisten von uns halten sich daran. Wenn der Kauf von Sex verboten wird, reduziert das, wie Norwegen zeigt, die Anzahl der Freier, also die Nachfrage. Dadurch sinkt das Angebot. Die Lukrativität für Menschenhandel nimmt ab, die Risiken für die Menschenhändler nehmen zu.

5.[NB]Ausstiegswillige Frauen stehen im nordischen Modell dank der geforderten existenzsichernden Ausstiegshilfe nicht plötzlich ohne Einkommen da.

Worum geht es heute bei der Abstimmung über diese Motion? Es geht darum, liebe Kolleginnen, ob wir weiterhin dem Geschlecht angehören wollen, das vom anderen Geschlecht legal gekauft werden und als Ware gehandelt werden darf. Es geht letztlich auch um unseren gesellschaftlichen Status als Frauen. Es geht darum, liebe Kollegen, ob wir endlich einen Bewusstseins- und Einstellungswandel in unserer Gesellschaft einleiten wollen. In Schweden ist mehr als zwanzig Jahre nach Einführung des nordischen Modells eine Generation junger Männer herangewachsen, die es sich kaum noch vorstellen kann, eine Frau für Sex zu kaufen. Norwegen berichtet Ähnliches.

Ich wünsche mir eine Schweiz, in der kein Geschlecht das andere kaufen, als Ware handeln und ausbeuten kann. Ich wünsche mir eine Schweiz, in der die Frau gleichgestellt und das Bild der Frau in der Gesellschaft von Respekt geprägt ist. Ich wünsche mir eine Schweiz, in der Menschen Sex haben, der auf Konsens basiert. Eine Frau soll nicht durch eine soziale Notlage, einen Clan, einen Menschenhändler oder Zuhälter dazu gezwungen sein. Diese Motion wäre ein erster Schritt zu diesem Wandel unserer Gesellschaft.

In diesem Sinne bitte ich Sie um Annahme der Motion.