preparatory:AB 304688
Kälin Irène · Nationalrat · Aargau · Grüne Fraktion · 2022-09-12
Wortprotokoll
Leider müssen wir die Session mit einem Nachruf beginnen. Wir gedenken heute der ehemaligen Nationalratspräsidentin Judith Stamm, die am 20. Juli im Alter von 88 Jahren verstorben ist. Judith Stamm wurde 1983 auf der Liste der CVP des Kantons Luzern in den Nationalrat gewählt, dem sie bis 1999 angehörte.
Die gebürtige Schaffhauserin, in Zürich aufgewachsen, interessierte sich bereits als Kantonsschülerin für politische Themen und setzte sich als Maturandin 1952 für das Frauenstimmrecht ein. Sie entschied sich für das Studium der Rechte, unter anderem, weil sie anderen Menschen helfen wollte, zu ihrem Recht zu kommen. Nach dem Studium arbeitete sie am Bezirksgericht in Uster. Gerne wäre sie Gerichtsschreiberin geworden. Dies war aber nicht möglich, da sie damals als Frau keine politischen Rechte hatte und auch nicht gewählt werden konnte.
Sie wechselte daraufhin zur Kriminalpolizei Luzern und wurde 1976 die erste Polizeioffizierin der Schweiz. Später wirkte sie als Jugendanwältin und Richterin. Aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit hatte sie direkten Einblick in die Schicksale von Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens standen.
Gleich nach der Einführung des Frauenstimmrechts stieg Judith Stamm aktiv in die Politik ein. Sie und die spätere Ständeratspräsidentin Josi Meier wurden 1971 als erste Frauen in den Luzerner Grossen Rat gewählt. Zwölf Jahre später gelang Judith Stamm die Wahl in den Nationalrat. Hier arbeitete die promovierte Juristin in über vierzig der damals üblichen Ad-hoc-Kommissionen und weiter in der Wirtschaftskommission, der Aussenpolitischen Kommission, der Kommission für Rechtsfragen und der Staatspolitischen Kommission mit.
Neben den politischen Schwerpunkten der Sozial- und Umweltpolitik, der Rechtsetzung und der Aussenpolitik waren für Judith Stamm die Rechte der Frauen und die Gleichstellungspolitik immer zentrale Themen. Ihre Anliegen vertrat sie beherzt und unerschrocken, dezidiert, geradlinig und mit einer Prise Humor. Wenn sie von einer Sache überzeugt war, hatte sie den Mut, hinzustehen und ihre Meinung auch gegen widrige Umstände selbstbewusst und kompetent zu vertreten. Exemplarisch für dieses mutige Hinstehen war ihre Kandidatur bei den Bundesratswahlen im Jahr 1986: Sie ärgerte sich, dass die CVP für eine Doppelvakanz keine weibliche Kandidatin vorgeschlagen hatte, und stieg deshalb selber ins Rennen.
Judith Stamm war ein Vorbild und eine Wegbereiterin für die Sache der Frau. Sie selbst gebrauchte in einem Interview den Begriff "Schneeschleuder". Hartnäckig, unermüdlich, kämpferisch und erfolgreich setzte sie sich für mehr Gleichberechtigung ein. Im Jahr 1986 verlangte sie mit einem Vorstoss, dass zur Umsetzung des Verfassungsartikels über die Gleichstellung von Mann und Frau eine Bundesstelle eingerichtet würde. Dies führte zwei Jahre später zur Schaffung des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann. Im Jahr 1989 wählte sie der Bundesrat zur Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen.
Im November 1996 wählte sie der Nationalrat mit einem Glanzresultat zu seiner Präsidentin. Sie leitete die Ratsdebatten ruhig und souverän und vertrat das Parlament würdig gegen aussen, und dies in einem sehr schwierigen und unruhigen Jahr, das insbesondere durch die Auseinandersetzungen um die nachrichtenlosen Vermögen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs geprägt war.
1999 trat Judith Stamm als Nationalrätin zurück. Aber auch als Pensionärin blieb sie aktiv und engagiert und freute sich über den steigenden Frauenanteil im Parlament und im Bundesrat.
Wir werden Judith Stamm als hochgeachtete, couragierte und liebenswürdige Frau und Politikerin in Erinnerung behalten. Ich weiss, welchen Anteil sie daran hatte, dass ich heute selbstverständlich politisieren darf und dass es keine Ausnahme mehr ist, dass Frauen auf dem "Bock" das Parlament leiten. Dafür gebührt ihr grösster Dank und grösster Respekt. Im Namen der Bundesversammlung möchte ich ihrer Familie von Herzen mein tiefstes Beileid aussprechen.
Ich bitte Sie und alle Besucher auf der Tribüne, sich zu erheben und der Verstorbenen in einem Moment des Schweigens zu gedenken.[GZ]
[VS][GZ]
[VS][GZ]
Der Rat erhebt sich zu Ehren der Verstorbenen [GZ]
L'assistance se lève pour honorer la mémoire de la défunte