preparatory:AB 306936
Grossen Jürg · Nationalrat · Bern · Grünliberale Fraktion · 2022-09-21
Wortprotokoll
Wir sprechen ja nun auch über die Versorgungssicherheit im Strombereich, und ich kann da nahtlos an das von unserem Kollegen Müller-Altermatt Gesagte anknüpfen.
Die Versorgungssicherheit hat mehrere Dimensionen: Neben der Stromproduktion muss endlich auch die Strom- und Netzeffizienz höher gewichtet werden. Die Schweiz hat in Sachen Digitalisierung des Stromnetzes und beim Einsatz von Regelenergie einen Rückstand erlitten. Der Bundesrat hat hier die Prioritäten leider noch zu wenig erkannt und empfahl Motionen, die in diese Richtung gehen, bisher zur Ablehnung. Zwar sehen alle Energieszenarien einen massiven Ausbau bei der Fotovoltaik vor, insbesondere auf Gebäuden und an Infrastrukturen. Klar ist auch, dass sich die Elektromobilität nun rasch durchsetzen wird und dass Elektroautos in 90 Prozent der Fälle in Gebäuden oder an Infrastrukturen geladen und auf Wunsch über bidirektionale Ladestationen auch entladen werden. Wir sprechen hier für die Zeit ab etwa 2040 von einer zusätzlichen Produktionsleistung aus Fotovoltaik von ungefähr 30 bis 40 Gigawatt und von einer Regelleistung und flexibel zuschaltbaren Verbrauchsleistung alleine durch Elektroautos von bis zu 30 Gigawatt. Zur Einordnung: In der Schweiz wurden bisher noch nie mehr als 10 Gigawatt Verbrauchsleistung gemessen.
Mit diesen 30 bis 40 Gigawatt kommen äusserst relevante Veränderungen auf das Stromnetz zu. Um diese in Zukunft gigantische, dezentrale, kleinteilige Produktion und den erhöhten, aber regelbaren Verbrauch sowie die Speicherung vor Ort in Einklang zu bringen, braucht es dringend entsprechende regulatorische und tarifliche Anreize. Die Schwankungen von Produktion und Verbrauch fallen in kürzeren Zeitabständen an. Entsprechend muss in Zukunft schneller und feingliedriger reagiert werden.
Das Positive ist: Die Technologie und die nötigen Systeme sind längst verfügbar und einsetzbar. Ich möchte deshalb mit meiner Motion, dass neben den grossen nun auch die mittleren und kleinen Akteure sowohl auf der Stromproduktions- wie auch auf der Verbraucherseite diskriminierungsfrei und technologieneutral am Regelenergiemarkt teilnehmen können. Um Herausforderungen in der dezentralen Stromwelt zu meistern, müssen geeignete Geräte, Systeme, ganze Gebäude und Areale ihre Regelenergie einfach und ohne Hindernisse anbieten können.
Der heutige Regelenergiemarkt der Schweiz wurde für den zentralen Kraftwerkspark aus Wasser- und Atomkraft konzipiert und dimensioniert. Die Leistungs- und Zeiteinheiten sind zu gross. Mit diesen Rahmenbedingungen wird eben den mittleren und kleineren Akteuren und Energieverbrauchern - es geht zum Beispiel um Batterien oder Ladesysteme für Elektroautos - die Teilnahme an diesem Markt faktisch verunmöglicht. Das darf nicht sein. Ein Blick auf die aktuellen Schlagzeilen genügt: Der grösste Schweizer Autoimporteur, Amag, übernimmt mit der Firma Helion den grössten Solar-, Ladestation- und Wärmepumpeninstallateur. Der Carsharing-Anbieter Mobility nimmt 50 bidirektionale Autos mit[NB]Ladestationen in Betrieb. Es ist offensichtlich, die Stromzukunft bekommt eine dezentrale Komponente, und das haben vorausschauende, namhafte Marktplayer antizipiert.
Es kommt dazu, dass im Jahr 2021 in der Schweiz 7 Prozent des Jahresverbrauchs, also 4 Terawattstunden, über Leitungsverluste und nochmals gleich viel über Speicherverluste verloren gegangen sind. Das ist erheblich und wird in der aktuellen energiepolitischen Diskussion zu wenig beachtet. Eigentlich ist es simple Physik: Kurze Leitungen vom Kraftwerk zum Verbraucher bedeuten geringe Verluste; lange Leitungen bedeuten hohe Verluste. Es ist deshalb klar, dass eine dezentrale Stromproduktion und der Verbrauch optimal harmonisiert werden müssen, um gigantische und sinnlose Kupferinvestitionen ins Stromnetz zu vermeiden.
Dieser Herausforderung gilt es mit Intelligenz zu begegnen. Batterien von Elektroautos können dezentral, flexibel und stufenlos geregelt werden. Es fehlt jedoch eine angemessene Regulierung für solche Anwendungen. Voraussetzungen dafür sind natürlich auch flächendeckend installierte intelligente Messsysteme, zeitechte, für Verbraucher und die Statistik nutzbare Datenlieferungen sowie klare Standards für die Smart-Grid-Kommunikation. Im Übrigen sind die Marktregeln im Ausland, z. B. in Finnland, bereits erprobt und etabliert. Das brauchen wir auch in der Schweiz. Die Schaffung eines diskriminierungsfreien Zugangs zum Regelenergiemarkt ermöglicht preiswerte und zuverlässige Regelenergie und garantiert Netzstabilität und Versorgungssicherheit zugleich.
Ich bitte Sie deshalb um Unterstützung und Zustimmung zu dieser Motion.