Teuscher Franziska · Nationalrat · 2003-03-21
Teuscher Franziska · Nationalrat · Bern · Grüne Fraktion · 2003-03-21
Wortprotokoll
Der Frühlingsanfang, der 21. März, ist sicher ein guter Tag, um über Kinder und Familien in unserer Gesellschaft zu diskutieren. Der Titel meiner Parlamentarischen Initiative - Elternurlaub für erwerbstätige Mütter und Väter - ist etwas verfänglich, denn "Urlaub" ist in diesem Zusammenhang eigentlich das falsche Wort: Alle Mütter und Väter wissen aus eigener Erfahrung, dass Kinder viel Betreuung brauchen. Der so genannte Elternurlaub gemäss meiner Parlamentarischen Initiative ist daher eine sehr intensive Arbeitszeit. Wenn ich Ihnen heute einen Elternurlaub für alle erwerbstätigen Mütter und Väter vorschlage, so habe ich dabei vor allem zwei Ziele vor Augen:
Erstens eine gute Eltern-Kind-Beziehung. Sie ist das Fundament für das spätere Leben. Nur wird diese Beziehung im Alltag immer noch zu häufig auf eine gute Mutter-Kind-Beziehung reduziert, und die Väter gehen dabei vergessen. Heute bekommen die Väter bei der Geburt eines Kindes zwei, ja höchstens drei Tage Urlaub - etwa gleich viel, wie wenn sie zügeln. Es ist aber für eine gute Eltern-Kind-Beziehung sehr wichtig, dass nicht nur die Mütter, sondern auch die Väter in den ersten Lebensjahren echt präsent sind, und zwar nicht nur am Feierabend oder am Sonntag. Daher müssen sowohl erwerbstätige Mütter wie auch Väter, welche das wollen, die Gelegenheit haben, sich von der Geburt an um ihr Kind zu kümmern.
Zum zweiten Punkt, zur partnerschaftlichen Rollenteilung: Es gibt heute keine fixen Regeln mehr, wie sich Paare mit Kindern organisieren. Auch Mütter mit kleinen Kindern sind erwerbstätig. Im Jahr 2000 waren die Frauen, die mindestens ein Kind unter sieben Jahren hatten, zu zwei Dritteln erwerbstätig. Befragte man Väter, dann sagten sie, sie wünschten sich mehr Zeit für die Familie, viel eher dies als mehr Lohn. Auch die Arbeitgeber haben erkannt, dass Väter und Mütter heute andere Bedürfnisse haben. In ihrer familienpolitischen Plattform haben die Arbeitgeber 2001 formuliert, dass auch Väter immer stärker in die Betreuungsarbeit mit einbezogen werden wollen. Im Familienalltag ist aber alles noch beim Alten geblieben: In der Schweiz werden rund zwei Drittel der Haus- und Familienarbeit von den Frauen erledigt. Ein Elternurlaub für Väter und Mütter ist daher ein wichtiger Schritt für die tatsächliche Gleichstellung von Frau und Mann in der Erwerbsarbeit.
Wie sieht nun der Elternurlaub aus, der mir vorschwebt? Wenn Eltern gemeinsam für das Kind sorgen, hat jeder erwerbstätige Elternteil Anrecht auf zwei Monate Elternurlaub. Dieser Anspruch ist an die einzelnen Personen gebunden und nicht übertragbar. Nur so können wir erreichen, dass sowohl Mütter wie auch Väter den Elternurlaub tatsächlich beziehen. Bei allein erziehenden Eltern hat der Elternteil, der für das Kind sorgt, Anspruch auf vier Monate.
Mir wurde zum Teil entgegnet, es gebe aber auch Eltern, welche gar keine partnerschaftliche Rollenverteilung wollten. Dem halte ich Folgendes entgegen: Kein Vater und keine Mutter muss den Elternurlaub beziehen. Der Elternurlaub ist freiwillig - ein Angebot, das diejenigen nutzen können, die wollen.
Zu einem weiteren Punkt, zum Geld: Der Erwerbsausfall während des Elternurlaubs muss grundsätzlich abgegolten werden, denn es ist ja bereits heute so, dass in vielen Betrieben und öffentlichen Verwaltungen Frauen nach dem Mutterschaftsurlaub noch einen unbezahlten Elternurlaub von einigen Monaten anhängen. Dieses Privileg darf nicht auf die gut verdienenden Eltern beschränkt sein, sondern es muss allen Eltern, die das möchten, zustehen. Daher schlage ich vor, dass der Erwerbsausfall grundsätzlich zu 80 Prozent abgegolten wird, dass aber diese Abgeltung auf das Anderthalbfache des durchschnittlichen Bruttogehaltes in der Schweiz plafoniert wird.
Immer wieder wurde mir gesagt, der Elternurlaub sei zwar eine sympathische Idee, aber wir müssten bei der Finanzierung der Sozialwerke Prioritäten setzen; die erste Priorität sei eben die AHV. Diese Argumentation greift mir zu kurz. Ich unterstütze ganz klar die Forderung nach einer guten AHV. In der Sozialpolitik müssen aber auch Forderungen der jungen Generation, der Eltern, Platz haben. Die Ansprüche der einzelnen Altersgruppen müssen gleichberechtigt behandelt und dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Kinder brauchen Eltern, die für sie Zeit haben, und Eltern brauchen heute Rahmenbedingungen, welche die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtern. Dazu gehört sicher ein Elternurlaub.
Ich bitte Sie daher, meiner Parlamentarischen Initiative Folge zu geben.