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Glättli Balthasar · Nationalrat · Zürich · Grüne Fraktion · 2024-02-28

Wortprotokoll

Wer kennt sie nicht, die Geschichte vom Fischer, der am Nachmittag in seinem Boot döst, bis er von einem Touristen geweckt wird, der ihn als Bild des Dolcefarniente fotografiert? Der Fremde redet sich in Eifer und schlägt vor, wie der Fischer mit häufigeren Fahrten ein wachsendes Geschäft machen, ja eine ganze Fangbootflotte kaufen, ja vielleicht sogar eine Fabrik kaufen und weltweit expandieren könnte. Und dann, dann, schliesst der Fremde begeistert, dann könnte er beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne dösen und auf das herrliche Meer blicken. Aber das tue er ja schon jetzt, entgegnet der Fischer.

Heinrich Böll schrieb seine "Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral" paradoxerweise für eine Radiosendung zum Tag der Arbeit 1963. Es ist ein Text, der so gar nicht zur Stimmung der Wirtschaftswunderjahre passte. Er nahm aber eine Debatte vorweg, die heute, mit dem Aufkommen der ökologischen Kritik am unbegrenzten Wirtschaftswachstum, aktueller denn je ist. Ich zitiere im Folgenden aus einer Studie: Eine normale Wochenarbeitszeit von 21 Stunden könnte dazu beitragen, eine Reihe dringender, miteinander verbundener Probleme zu lösen, nämlich Überarbeitung, Arbeitslosigkeit, übermässiger Konsum, hohe CO2-Emissionen, geringes Wohlbefinden, verfestigte Ungleichheiten und der Mangel an Zeit, um nachhaltiger zu leben, sich umeinander zu kümmern und auch einfach mal das Leben zu geniessen. [PAGE 77] Das ist das Fazit von Autorinnen und Autoren der New Economics Foundation in einem Plädoyer für eine wesentliche Verkürzung der Arbeitszeit.

Effizienzgewinne infolge steigender Produktivität in Form von mehr Zeit weiterzugeben, ist zwar grundsätzlich egalitärer als Lohnsteigerungen. Denn auch Topmanagerinnen und Topmanager verfügen nur über 24 Stunden am Tag, währenddessen den Boni offensichtlich kaum Grenzen gesetzt sind. Aber oft bleibt der Fokus in dieser Diskussion eng und folgt der Formel: Effizienz steigt, Arbeitszeit sinkt, Lohn bleibt gleich. Das hiesse dann gleich viel Geld und mehr Zeit für mehr Konsum. Das emanzipatorische Potenzial ginge verloren.

Das sagt ja gewissermassen auch der Bundesrat in seiner Begründung zur Ablehnung des Postulates. Er schreibt, dass aufgrund einer Reduktion der Arbeitszeit keine Reduktion des Ressourcenverbrauchs oder der Treibhausgasemissionen zu erwarten ist. Diese Aussage würde stimmen, wenn man ein einziges Wort hinzufügen würde, nämlich: Von einer Reduktion der Arbeitszeit ist keine automatische Reduktion der Treibhausgasemissionen zu erwarten. Genau deshalb braucht es auch dieses Postulat, weil es den Bundesrat auffordert, aufzuzeigen, unter welchen Rahmenbedingungen eine Arbeitszeitverkürzung auch ökologisch sinnvoll ist und nicht zu mehr Konsum, sondern zu mehr Lebensqualität führt.

In dem Sinne ist die Arbeitszeitreduktion ein wesentliches Element. Das hat beispielsweise auch der Klimastreik Schweiz in seinem Climate Action Plan geschrieben. Wir müssen auch unser Verständnis von Lohnarbeit, Care-Arbeit und Freizeit grundsätzlich hinterfragen und neu denken. Wir müssen über eine Deckelung des Konsums nachdenken. Es kann nicht nur zu wenig sein, was man hat - ja, das ist ein Problem -, es kann auch zu viel sein.

Wir müssen uns fragen: Wie sähe eine gerechtere Verteilung der Effizienzgewinne aus, eine gerechtere Verteilung auch der Care-Arbeit? Braucht es vielleicht gar ein Konzept einer würdigen Grundsicherung für alle, ein "revenu de transition écologique"? Diese Debatte muss breit geführt werden. Dies muss auf der Grundlage eben auch von Informationen geschehen, die genau in diesem Bericht zusammengetragen werden sollen, mit dem Ziel, dass wir den Wohlstand nicht länger an der Höhe der Abfallberge, an der Höhe des Geldumsatzes messen, sondern dass wir dabei an das Wohlbefinden, an die Gesundheit, an den Respekt vor der Natur und vor den kommenden Generationen denken. Das wäre eine gesamtgesellschaftlich zukunftsfähige Wohlfahrtspolitik. Dieser Bericht könnte einen ersten Anstoss dazu liefern.

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