Hämmerle Andrea · Nationalrat · 2003-06-02
Hämmerle Andrea · Nationalrat · Graubünden · Sozialdemokratische Fraktion · 2003-06-02
Wortprotokoll
Welches sonstige Traktandum im Nationalrat hat so viele Facetten wie der Wolf? Volkskundliche, sozialpsychologische, wildbiologische, ja sogar aussenpolitische! Und dazu kommt noch der ganz besondere Charme, welchen uns die unvermeidbare Vermischung von Märchen und Fakten beschert.
Zunächst aber ein paar Tatsachen:
1. Eine aktive Wiederansiedlung des Wolfes steht nicht zur Diskussion und ist von niemandem gewollt. Hinzu kommt, dass der Wolf zwar ein sehr intelligentes Tier ist und doch die Motion Maissen nicht lesen wird. Aber er kommt unabhängig von der Rechtslage in die Schweiz, vor allem aus Italien - zuerst vereinzelte männliche Jungtiere, dann einzelne Weibchen, und dann bilden sich kleine Rudel. So wird das gehen, mit oder ohne Motion Maissen, mit oder ohne WWF.
2. Wenn die Schweiz die Motion Maissen in die Tat umsetzt, dann muss sie die Berner Konvention (Übereinkommen vom 19. September 1979 über die Erhaltung der europäischen wild lebenden Pflanzen und Tiere und ihrer natürlichen Lebensräume) kündigen. Anders ist es nicht zu machen, das haben wir in der Kommission ausführlich besprochen, und es ist klar. Nach der nicht besonders klugen Ablehnung des Luftverkehrsabkommens mit Deutschland und nach dem Auf-die-lange-Bank-Schieben der Alpenkonvention wäre eine Kündigung dieser in Bern abgeschlossenen Konvention ganz unverständlich. Die Schweiz als wolfsfreie Zone wäre wohl die skurrilste Form des Isolationismus.
Wenn der Wolf keinem Schutz mehr untersteht, gibt es kein vom Bund erlassenes und finanziertes "Konzept Wolf Schweiz". Die Entschädigungsfrage wird, wenn überhaupt, in kantonalen Jagd- und Landwirtschaftsgesetzen geregelt. Dies liegt kaum im Interesse der Schafhalter.
Konfliktsituationen zwischen Wolf und Mensch, in welchen Menschen zu Schaden kommen, gibt es nicht. Es ist in Europa seit vielen Jahrzehnten kein derartiger Konflikt bekannt. Hingegen gibt es sehr wohl einen Konflikt zwischen Wolf und Schafhaltern. Wir müssen zu dessen Regelung intelligente Massnahmen treffen, wie sie in Italien seit Jahrzehnten angewendet werden und wie sie Pioniere in Graubünden und im Wallis schon seit Jahren ausprobieren.
Gestatten Sie mir noch zwei grundsätzliche Überlegungen. Im Ständerat und auch in unserer Kommission wurde die Brutalität des Wolfes moniert: Ein herzloser, hinterhältiger, gemeiner, brutaler Killer, ein Tierquäler sogar - und trotzdem kein Aufschrei der Tierschutzorganisationen! Zu Recht gibt es keinen Aufschrei der Tierschutzorganisationen, denn das Tierschutzrecht regelt den Umgang von Menschen mit Tieren, aber nicht den Umgang von Tieren mit Tieren! Ich glaube, da lassen wir lieber die Hände davon: Lassen wir das Urteilen über das Verhalten von Tieren gegenüber Tieren bleiben.
Übrigens, auch die als Haustier so überaus beliebte Katze, unser so "schnusiges Büsi", verletzt im Umgang mit Mäusen jegliche tierschützerische Norm. Im Vergleich dazu ist der Wolf geradezu opferfreundlich: Er macht es in der Regel schneller.
Viele Tier- und Pflanzenarten sind in den letzten Jahrzehnten verschwunden, oder sie sind vom Aussterben bedroht. Einige holen sich ihren Lebensraum bei uns zurück, darunter der Wolf. Dies ist kein Grund zur Panik. Aber der Wolf, sagen Sie - das hat auch Herr Brunner Toni gesagt -, habe ja keinen Platz in der Schweiz. Das müssen nicht wir entscheiden, ob er da Platz hat oder nicht: Das überlassen wir doch gefälligst dem Wolf. Hingegen müssen wir dafür sorgen, dass die Probleme zwischen Wolf und Schafhaltern intelligent gelöst werden können. Dazu bildet das "Konzept Wolf Schweiz" eine gute Grundlage, und vielleicht können wir da noch etwas Feinjustierung in Form des Postulates machen.
Ich bitte Sie im Namen der SP-Fraktion, locker und sachlich zu bleiben, Emotionen, Ressentiments und Märchen einmal zurückzustellen und die Motion Maissen abzulehnen. Das Postulat weist einen vernünftigen Weg.