Hess Bernhard · Nationalrat · 2000-06-13
Hess Bernhard · Nationalrat · Bern · Fraktionslos · 2000-06-13
Wortprotokoll
"Swisscoy" nennt sich die Abordnung der Schweizer Armee in Kosovo. Das Bundesamt für Kampftruppen lädt die neu gewählten Nationalräte persönlich zum "Gebirgs-Event" ein. Das pauschal frankierte Couvert und das Mitteilungsblatt der Eidgenössischen Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit tragen den Titel "Newsletter". Das erste private Fernsehen, "Tele 24", führt beinahe nur noch Sendegefässe mit "engleutschen" Bezeichnungen wie "SwissNews", "LifeStyle" oder die kauderwelsche Bezeichnung "SonnTalk". Viele englische Ausdrücke werden schlicht falsch angewendet und könnten problemlos durch wörtliche Übersetzungen ersetzt werden. Deshalb habe ich diese Motion eingereicht, welche die Landessprache vor der Anglizismenflut schützen soll.
Insbesondere der heutige Deutschschweizer hat es wahrlich nicht leicht. "Cool" muss er sich immer um "fun" bemühen, mit "fitness" in "action" sein, von einem "highlight" zum nächsten "event" hetzen, mit "trips" und "carts" zum "global village" rasen, als "user" versuchen, ein "winner" zu werden, mit "lifestyle" stets "in" sein.
Es ist zwar noch verständlich, dass einmal ein Fremdwort verwendet wird, für das ein treffender Ausdruck fehlt. Aber für die Unmenge eingestreuter englischer Wörter gibt es gute deutsche. In Klammern merke ich an, dass die Argumentation, die ich aus Gründen der Einfachheit nur auf die [PAGE 657] deutsche Sprache beziehe, selbstverständlich auch für das Französische, Italienische und Rätoromanische gilt, muss aber einwenden, dass in diesen Sprachräumen weit weniger Sprachdeserteure am Werk sind.
Warum aber werden nicht deutsche Wörter verwendet, beispielsweise Lieder statt "songs", Benützer statt "user", Flugblatt statt "flyer", Spitze statt "top", modische Bekleidung statt "fashion wear", Wettkampf statt "contest", essen statt "fooden", sich entspannen statt "relaxen", einkaufen statt "shoppen", fälschen statt "faken" usw.?
Der deutsch-englische Mischmasch ist beileibe keine Spezialität der Jugend. Auch Erwachsene streuen mit Vorliebe englische Ausdrücke in ihre Texte: "wellness" statt Wohlbefinden, "mainstream" statt Hauptströmung, "headline" statt Schlagzeile, "hotline" statt heisser Draht, "hearing" statt Anhörung, "recycling" statt Wiederverwertung, "slow motion" statt Zeitlupe, "turnaround" statt Wende, "level", "challenge", "feedback", "business" usw. Ladeninhaber erklären ihre Türe für "open".
Dabei ist das verwendete Wort häufig eine haargenau wörtliche Übersetzung des deutschen: "guidelines" statt Leitlinien, "lifestyle" statt Lebensstil, "bodyguard" statt Leibwächter. Manchmal ist der verwendete Ausdruck geradezu irreführend: Eine "airline" betreibt ja nicht nur eine Fluglinie.
Im Allgemeinen sind die vielen englischen Wörter aber Ausdruck einer sprachlichen Verarmung: "Message" kann Botschaft, Mitteilung oder Nachricht bedeuten, "fun" Spass, Vergnügen oder Lebensfreude, "highlight" Höhepunkt, Schlaglicht oder Glanzpunkt, "power" Kraft, Stärke oder Durchsetzungsvermögen. Auch das insbesondere von jungen Leuten gebrauchte "cool" kann alles mögliche bedeuten - nur nicht kühl, lässig, gut, selbstsicher, erstrebenswert, bewundernswert, entspannt, schön, überlegen, überheblich, arrogant, anmassend, platziert, geniesserisch, gelassen, erfreut, ehrlich.
Nun ein Blick auf die von der englischen Sprache verseuchte Werbeindustrie: In Werbespots müssen wir uns idiotische englische Sprüche und Gesänge anhören, auf Plakaten ebenfalls vorwiegend englische Texte: "Do you speak Orange?" Diese Beispiele spiegeln nur einen kleinen Bereich der Zerstörung der deutschen Sprache; auch Behörden und halbstaatliche Institutionen sprechen immer häufiger "Engleutsch". Man redet sich damit heraus, die Wirkung bei der Jugend sei besser. Ein solches Verhalten ist krank, und diese Krankheit heisst "Anglomanie".
Ein Punkt, der nicht zu vergessen ist, ist selbstverständlich auch der Kulturimperialismus der USA als letzter Grossmacht. Sogar mit Hilfe der WTO setzen die US-Amerikaner ihre englischsprachigen Gesänge, Filme, Video- und Fernsehproduktionen mit ziemlicher Gewalt durch.
Das alles zusammen wirft die Frage auf: Gehen wir einen weiteren Schritt auf dem Weg zur kulturellen Verarmung der Welt? Unseren französischen Nachbarn, die unter einem ähnlichen Angriff auf ihre Muttersprache leiden, war ihre Sprache gesetzliche Bestimmungen wert; Web-Seiten-Besitzer werden sogar gerichtlich gezwungen, ihre englischen Seiten auch auf Französisch anzubieten.
Wie könnte so ein Gesetz zum Schutz der Landessprachen aussehen?
1. In Schriften der Landes- und Amtssprachen dürften deutsche, französische, italienische und rätoromanische Begriffe nicht durch Worte einer ausländischen Sprache ersetzt werden.
2. Titel von Filmen, Büchern und anderen Veröffentlichungen sind in der entsprechenden Landessprache abzufassen. Ein ausländischer, meist englischer Originaltext kann hinzugefügt werden. Er ist in Druckwerken drucktechnisch deutlich kleiner zu gestalten als die Titel in der Landessprache.
3. Werbung, die für Produkte wirbt, darf nur in den Landessprachen verfasst werden; fremdsprachige Rohfassungen dürfen nur zu dokumentarischen oder künstlerischen Zwecken veröffentlicht werden.
Noch ein Satz: Ein solches Gesetz wäre auch zum Verbraucherschutz sehr geeignet; es könnte die schweizerischen Verbraucherinnen und Verbraucher, die zu mehr als 50 Prozent kein Englisch verstehen, vor dem pseudoenglischen Imponiergefasel der Werbeagenturen schützen. Jedenfalls können wir mit gesetzlichen Massnahmen der Zerstörung nicht nur der deutschen Landessprache durch kosmopolitische Sprachdeserteure wirksam entgegentreten.
Ich bitte Sie, meine Motion zu überweisen.