Frick Bruno · Ständerat · 2004-12-01
Frick Bruno · Ständerat · Schwyz · Christlichdemokratische Fraktion · 2004-12-01
Wortprotokoll
Am letzten Freitag ist alt Bundesrat Hans Schaffner knapp drei Wochen vor seinem 96. Geburtstag gestorben. Erst heute kommen wir dazu, ihn zu würdigen, da auf seinen Wunsch hin das Begräbnis gestern im engsten Familienkreis stattgefunden hat und die Familie bis zu diesem Zeitpunkt die Respektierung ihrer Privatsphäre wünschte.
Hans Schaffner studierte an der Universität Bern Jura und wurde im Mai 1941 mit dem Aufbau der Zentralstelle für Kriegswirtschaft betraut. Nach dem Krieg trat er in die Handelsabteilung, das heutige Seco, über. Er wurde Delegierter für Handelsverträge und schuf den neuen Zolltarif.
1958 teilte sich Westeuropa in die sechs Länder der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und die sieben Länder der Europäischen Freihandelszone (Efta) auf. Schaffner war zusammen mit dem britischen Handelsminister Reginald Maudling ein entschiedener Verfechter dieser Assoziation, die später allerdings mit dem EWG-Beitritt Grossbritanniens an Gewicht verlor.
1959 strebte Hans Schaffner erstmals einen Bundesratssitz an, aber die Mehrheit des Parlamentes wollte die Vertretung der Freisinnigen im Regierungskollegium auf zwei Magistraten beschränken und wählte Hans Peter Tschudi und damit einen zweiten Sozialdemokraten. Hans Schaffner wurde zwei Jahre später, 1961, in den Bundesrat gewählt. Seine Wahl war insofern ungewöhnlich, als Hans Schaffner nicht Politiker, sondern Spitzenbeamter des Bundes war. Als Vorsteher des Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartementes erwies er sich als standhafter Verhandlungsführer auf dem Gebiet der europäischen Integration und der internationalen Wirtschaftspolitik. Zusammen mit Bundesrat Wahlen versuchte er - allerdings vergeblich -, mit der EWG einen dauerhaften Assoziationsvertrag zu schliessen. In die Amtszeit Schaffners fiel auch der Beitritt der Schweiz zum Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen (Gatt), dem Vorläufer der heutigen Welthandelsorganisation.
Wir verdanken Hans Schaffner ein neues Arbeitsgesetz und verschiedene Massnahmen zur Unterstützung der Landwirtschaft. Er sah sich mit der konjunkturellen Überhitzung konfrontiert, die sich in einer erhöhten Wachstumsrate und einer starken Inflation manifestierte. Dies zwang ihn dazu, im Jahre 1965 die bekannten Konjunkturdämpfungsbeschlüsse vorzulegen und somit in die Handels- und Gewerbefreiheit einzugreifen, obschon er selbst ein überzeugter Vertreter der freien Marktwirtschaft war.
Bundesrat Schaffner ist als grosser Verhandlungsführer in die Geschichte unseres Landes eingegangen. Er war sowohl in der Schweiz als auch im Ausland ein Staatsmann von hohem Ansehen. Wie sein geistiger Sohn, Staatssekretär Paul Jolles, einst sagte, hatte Bundesrat Schaffner "die Gabe, sich in plastischen Bildern auszudrücken, zu überzeugen, kulturelle Gemeinsamkeiten anklingen zu lassen und in allen Verhandlungen einprägsame Formulierungen zu finden". Bundesrat Schaffner war ein Vorbild für ganze Generationen von Diplomaten, die seine sprachlich brillanten Sätze und Vorsätze mit Vorliebe zitierten.
Er liebte den Parlamentsbetrieb, und seine Wortbeiträge waren glänzend formuliert, nicht ohne Humor und bisweilen von beissender Ironie, und sie zeugten stets von profunder Kenntnis der Dossiers.
Im Januar 1970 trat er aus dem Bundesrat zurück und konnte einen langen, 35 Jahre währenden Ruhestand geniessen - er, der er selbst anlässlich des Rücktrittes von Bundesrat Paul Chaudet gesagt hatte, "die Arbeit als Bundesrat reibt einen in der modernen Gesellschaft viel schneller auf, als dies früher der Fall war". Das Zitat stammt aus dem Jahre 1966.
In diesen schweren Stunden möchte ich Frau Schaffner und der Familie die Anteilnahme aller Parlamentarierinnen und Parlamentarier bezeugen.
Ich bitte Sie, in einem Moment des Schweigens alt Bundesrat Hans Schaffners, eines Berners mit Aargauer Bürgerrecht, zu gedenken, der viel für unser Land geleistet hat und unser aller Dank und Anerkennung verdient.
[VS]
Der Rat erhebt sich zu Ehren des Verstorbenen
L'assistance se lève pour honorer la mémoire du défunt