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Hochreutener Norbert · Nationalrat · 2006-03-22

Hochreutener Norbert · Nationalrat · Bern · Christlichdemokratische Fraktion · 2006-03-22

Wortprotokoll

Ich anerkenne die Bemühungen der Motionärin, unterstütze aber doch den Bundesrat. Frau Kiener Nellen, das Ganze ist nicht so einfach. Ich bin zwar wie Sie der Meinung, dass der Bundesrat im Jahre 1961 keine besonders glückliche Hand hatte, als er den Schweizerpsalm als Landeshymne einführte. Nicht wegen der Melodie, auch nicht unbedingt wegen des Textes meine ich dies, sondern wegen der Länge. Für eine wirklich populäre Landeshymne ist der Schweizerpsalm mit allen seinen Strophen viel zu lang.

Andere Länder haben wesentlich kürzere Nationalhymnen: Die Bundesrepublik Deutschland wählte als Nationalhymne nur die dritte Strophe des Deutschlandliedes. Das hatte politische Gründe. Vielleicht spielte es eine Rolle, dass Konrad Adenauer und Theodor Heuss, die das damals entschieden, schon ältere Herren waren und vielleicht keine grosse Lust mehr hatten, während mehrstrophigen Nationalhymnen lange zu stehen.

Als die Regierung des Irischen Freistaates in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts eine Nationalhymne wählte, bestand sie aus sehr jungen Leuten, die wohl etwas länger hätten stehen können. Nachdem aber bereits zwei der acht Mitglieder dieser Regierung von politischen Heckenschützen erschossen worden waren, war das Bedürfnis, an einer Stelle ruhig zu stehen, vermutlich eher klein. Auf jeden Fall besteht die irische Nationalhymne nur aus dem Refrain des "Soldier's Song".

Die spanische Nationalhymne hat überhaupt keinen Text; sie besteht nur aus einer Melodie. Diese Regierungen haben ihren Völkern den Vorwurf erspart, dass niemand die zweite oder dritte Strophe oder weitere Strophen der Nationalhymne auswendig könne. Unsere Nationalhymne ist zu lang. Andere sind wesentlich kürzer und deshalb auch populärer.

Dennoch habe ich eine grundsätzliche Bemerkung gegen das schnelle Wechseln der Nationalhymne. Wenn man jene Nationalhymnen betrachtet, die bei passender Gelegenheit auch gesungen werden, so sind es Lieder, welche aus der Geschichte kommen. Sie wurden in Epochen gesungen, welche entscheidend für die Geschichte der jeweiligen Nation waren. Die irische Nationalhymne greift, wie gesagt, auf den "Soldier's Song" zurück, den die Rebellen 1916 gesungen haben. Die Marseillaise ist das Lied der Freiwilligen des Jahres II der Französischen Revolution. Die niederländische Hymne ist eine Ballade aus dem Unabhängigkeitskampf des 16. Jahrhunderts. Die italienische und die deutsche Hymne nehmen Lieder der Revolution von 1848 auf. Die Weimarer Republik und die Italienische Republik stellten bewusst die Verbindung zur Geschichte der jeweiligen Nation her.

Die Hymne ist das musikalische Erkennungszeichen einer Nation. Sie wandelt sich zwar im Laufe der Zeit, sie bewahrt aber auch eine Kontinuität. Diese kommt auch darin zum Ausdruck, dass eine Landeshymne über Zeiten hinweg bestehen bleibt. Wir gedenken beim Singen jener Leute, welche dieses Land, diesen Staat, geschaffen und verteidigt haben, an Frauen und Männer. Wir sagen damit, dass wir uns dieses Erbes würdig erweisen wollen. Es ist einer der wesentlichen Unterschiede zwischen einer Landeshymne und einer Sonnenbrille, dass eine Landeshymne nicht zeitgemäss sein muss und dass man sie nicht einfach dem jeweiligen Zeitgeist anpassen muss wie eine Sonnenbrille an die Mode.

Wie ein altes Familienerbstück braucht eine Landeshymne nicht an sich wertvoll zu sein. Beide gewinnen ihren Wert durch die mit ihnen verknüpften Erinnerungen, durch die mit ihnen verbundene Geschichte, durch das Gefühl des Verbundenseins über die Generationen hinweg. Die Patina, die an solchen Erbstücken oft haftet, ist nicht Schmutz, den wir jetzt wegputzen müssen; diese Patina macht den Wert des Erbstückes aus.

Ich bitte Sie: Bleiben Sie bei der alten Hymne.

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