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Stump Doris · Nationalrat · 2006-10-05

Stump Doris · Nationalrat · Aargau · Sozialdemokratische Fraktion · 2006-10-05

Wortprotokoll

Ich werde an drei Themen den Mehrbedarf an Mitteln für den Bildungsbereich belegen. Anders als mein Vorredner halte ich nichts von einseitiger Förderung von technischen und naturwissenschaftlichen Bereichen. Ich unterstütze die alle, aber ich meine, wir müssen eine ganzheitliche Förderung in unserem Bildungswesen machen, sodass wir am Schluss auch eine ganzheitliche Forschung und Produktivität erreichen können. Ich unterstütze jede Aktivität zur Verbesserung der Rekrutierung von Ingenieurstudentinnen und -studenten oder von Elektronikern - was immer -, insbesondere dann, wenn auch die Frauen angesprochen werden und wenn Frauen in diese Aktivitäten einbezogen werden.

Die drei Bereiche, die ich jetzt besonders darlegen möchte, betreffen erstens die Geistes- und Sozialwissenschaften, zweitens die Gender Studies, d. h. die Forschung über die Geschlechterverhältnisse, und drittens die Gleichstellung von Mann und Frau im Hochschulbereich.

1. Zu den Geistes- und Sozialwissenschaften: Im Mai dieses Jahres publizierte der Schweizerische Wissenschafts- und Technologierat einen Bericht über Perspektiven für die Geistes- und Sozialwissenschaften in der Schweiz. In der Schilderung der Problemlage wird unmissverständlich auf die Missstände bei den Geistes- und Sozialwissenschaften hingewiesen. Es heisst da: "In den Geistes- und Sozialwissenschaften unterrichtet heute ein Sechstel des gesamten Hochschulpersonals 40 Prozent der Studierenden." Also weniger als oder gut 10 Prozent der Dozierenden unterrichten 40 Prozent der Studierenden. Das sind unhaltbare Verhältnisse. Es gibt durchschnittliche Betreuungsverhältnisse von einer Professorin oder einem Professor auf 60 Studierende, und die maximale Zahl von betreuten Studierenden beträgt 180 pro einen Dozierenden. So kann keine gute Ausbildung gewährleistet werden, und deshalb hat der Schweizerische Wissenschafts- und Technologierat auch Empfehlungen herausgegeben.

Er hat zudem festgestellt, dass die Bibliotheken und die Infrastrukturen im geistes- und sozialwissenschaftlichen Bereich vernachlässigt wurden, er hat Schwächen bei der Grundlagenforschung festgestellt, und er hat festgehalten, dass die Nachwuchsförderung absolut unbefriedigend ist. Die Massnahmen, die er vorschlägt - und die decken sich eben mit unserer Haltung -, sind folgende: Die Mittel für die Universitäten und den Schweizerischen Nationalfonds vor allem, aber nicht nur im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften müssen substanziell erhöht werden. Mit diesen Geldern müssen folgende Massnahmen umgesetzt werden: Es müssen neue Professuren geschaffen werden, die Betreuungsverhältnisse müssen verbessert werden, es müssen mehr Mittel für die Bibliotheken zur Verfügung gestellt werden, die Grundlagenforschung muss in diesen Bereichen verstärkt werden, die internationale Vernetzung muss gefördert werden, und der Nachwuchs muss besser unterstützt werden. Das geht nicht ohne zusätzliche Mittel, weil bisher die Mittel dazu nicht gereicht haben.

2. Zu der Geschlechterforschung oder den Gender Studies: Der Einbezug der Dimension Geschlecht in Lehre und Forschung ist unterdessen internationaler Standard. Heute haben alle international renommierten Universitäten eine aktive Abteilung für Gender Studies und integrieren die Genderperspektive in Lehre und Forschung. Die breite Präsenz von Gender Studies wird immer mehr zu einem Qualitätskriterium. Es ist nicht einfach ein Hobby von einigen speziell Interessierten, sondern es ist ein Qualitätsmerkmal, wenn man zum Beispiel in der medizinischen Forschung berücksichtigt, dass Frauen auch Tabletten nehmen müssen [PAGE 1530] und dass die Wirkung von gewissen Medikamenten bei Frauen eben anders ist als bei Männern. In der Regel war die Forschung lange Zeit nur auf Männer bezogen. In diesem Bereich hat die Schweiz grossen Nachholbedarf, und es müssen deshalb Mittel bereitgestellt werden, um die Forschung über die Geschlechterverhältnisse und -beziehungen auszubauen und mehr Nachwuchs im Bereich der Gender Studies auszubilden. Ein Forschungsbereich betrifft auch die Ursachen, weshalb zum Beispiel bei den Studien oder der Berufswahl weniger Frauen die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer wählen. Von einer solchen Verstärkung des Bereiches Gender Studies würden auch Wirtschaft und Verwaltung profitieren, weil ihre Kaderpositionen schliesslich auch über diese Genderkompetenz verfügen würden. Ich weise noch darauf hin, dass im 7. EU-Rahmenprogramm explizit Genderkompetenz verlangt wird.

3. Ein Bereich, auf den ich jetzt nicht mehr im Detail eingehen kann, betrifft die Gleichstellung. Wir haben nach wie vor viel zu wenige Professorinnen an den Universitäten; an der ETH wurde der Anteil von Frauen, bezogen auf die Professuren in den letzten drei Jahren, sogar von 4,9 auf 4,6 Prozent reduziert. Dieser Prozentsatz genügt nicht!

Wir brauchen mehr Mittel, um die Situation in den Bereichen Gleichstellung, Gender Studies sowie Geistes- und Sozialwissenschaften in unserem Land zu verbessern.