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Sommaruga Simonetta · Ständerat · 2006-09-25

Sommaruga Simonetta · Ständerat · Bern · Sozialdemokratische Fraktion · 2006-09-25

Wortprotokoll

Je komplexer eine Krankheit ist, desto wichtiger ist eine gute Koordination. 10 Prozent der Chronischkranken verursachen heute 60 Prozent der gesamten Kosten in der obligatorischen Krankenversicherung. Eine gute Koordination, eine Begleitung durch den Vertrauensarzt, ist aber keineswegs nur aus Kostengründen wünschbar: Auch für den Patienten ist viel gewonnen, wenn seine Vertrauensperson ihn begleitet, ihn berät, die möglichen Therapien vorschlägt und wenn man gemeinsam schaut, was sich bewährt und was nicht. Damit können Doppeluntersuchungen, aber auch Nebenwirkungen aufgrund von unkoordinierter Medikamentenabgabe vermieden werden. Grundversorger, d. h. Ärztinnen und Ärzte aus den Bereichen Allgemeinmedizin, innere Medizin und Pädiatrie - wir nennen sie oft auch Hausärzte -, sind dazu prädestiniert, solche Koordinationsaufgaben zu übernehmen. Sie sind nämlich besonders darin geschult, ihre Patienten in der jeweiligen somatischen, psychischen und sozialen Situation zu erfassen.

Die Koordination der Behandlung einer komplexen Krankheit und die Steuerung einer Behandlung von chronischkranken oder polymorbiden Personen ist keine einfache Aufgabe. Diese Arbeit ist aufwendig und muss gelernt werden. Wenn ich mir hier eine Klammerbemerkung erlauben darf: Leider wird dieser Aufgabe in der Ausbildung unserer Ärztinnen und Ärzte viel zu wenig Beachtung geschenkt. Deshalb soll diese Arbeit auch entsprechend abgegolten werden. Ich weiss nicht, warum ein Arzt, der einem das Messer an den Bauch setzt, so viel mehr verdienen soll als jemand, der eine schwerkranke Person über Monate hinweg begleitet, vielleicht auch in den Tod begleitet. Ich möchte deshalb, dass diese verantwortungsvolle Arbeit besser abgegolten wird. Ich bin der Meinung, dass gerade Hausärzte auf dem Land eine unglaubliche Arbeit leisten, indem sie nebst der medizinischen oft auch noch seelsorgerische und psychotherapeutische Arbeit leisten oder zur Konfliktverhütung beitragen, und zwar oft nicht nur beim Patienten, sondern bei der ganzen Familie. Ich bin auch der Meinung, dass Ärzte, die diese Koordinationsaufgaben übernehmen und die bereit sind, auch für die Kosten, die sie mit ihrer Tätigkeit auslösen, Mitverantwortung zu tragen, die ganze Palette von Instrumenten zur Verfügung haben sollen, also sowohl Massnahmen zur Gesundheitsförderung und Prävention wie auch komplementärmedizinische Leistungen.

Der Bundesrat schreibt nun in seiner Stellungnahme, dass er meine Anliegen in der Botschaft zur Managed-Care-Vorlage bereits aufgenommen habe. Ich muss ihm zum Teil Recht geben. Tatsächlich können gemäss Botschaft des Bundesrates im Rahmen von Managed-Care-Modellen die Steuerungs- und Koordinationsaufgaben abgegolten werden. Ob dies über eine spezielle Tarifposition oder über die Kopfpauschale geschieht, spielt hier weniger eine Rolle; ich habe das in meiner Motion ja auch offengelassen. Der [PAGE 725] Bundesrat sieht in der Botschaft vor, dass in den sogenannten integrierten Versorgungsnetzen über die gesetzlichen Pflichtleistungen hinausgehende Leistungen vorgesehen werden können. Hingegen fehlt mir in der bundesrätlichen Botschaft der klare Ansatz, wie diese Managed-Care-Modelle tatsächlich gefördert und umgesetzt werden sollen. Die Abrechnung über den Einzelleistungstarif ist auch mit dem Entwurf des Bundesrates für viele Leistungserbringer immer noch bequemer oder vor allem finanziell attraktiver. Daran ändert die bundesrätliche Vorlage leider nichts.

Ich wollte mit meiner Motion aber hier ansetzen. Ich zähle nun darauf, dass der Bundesrat - nachdem er den Inhalt meiner Motion grundsätzlich begrüsst hat - auch dazu beiträgt, dass mit der Managed-Care-Vorlage Versorgungsnetze und die von allen gepriesene Koordination in der medizinischen Behandlung so attraktiv werden, dass Leistungserbringer und Versicherte von dieser Koordination tatsächlich profitieren können und wollen. Schöne Modelle auf dem Papier nützen uns nichts; es braucht Anreize und Massnahmen, damit diese auch umgesetzt und angewendet werden.

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