Vischer Daniel · Nationalrat · 2007-09-19
Vischer Daniel · Nationalrat · Zürich · Grüne Fraktion · 2007-09-19
Wortprotokoll
Ich kenne die Komplementärmedizin zum einen aus dem politischen Diskurs, kenne sie durch meine Frau, die Physio- und Shiatsutherapeutin ist, kenne sie aber auch als Patient. Ich denke, die Komplementärmedizin ist in gewaltigem Vormarsch; sie ist eigentlich im Ansehen jener, die mit dem Gesundheitswesen konfrontiert sind - vor allem bei Patientinnen und Patienten -, zum unabdingbaren Bestandteil unseres Gesundheitswesens geworden.
Nun haben wir ja hier zwei Typen von Ablehnung gegenüber dieser Initiative. Es gibt solche, die den Diskurs der Schulmediziner hier nochmals weiterführen, es ist geradezu ein Krieg - das sind die sogenannten Wissenschafterinnen und Wissenschafter. Auf der anderen Seite haben wir jene, die sagen, sie seien selbstverständlich auch für die Komplementärmedizin, selbstverständlich sei sie wichtig, aber bitte nicht mit dieser Initiative, bitte nicht institutionalisiert und in die Krankenkassen real einbezogen.
Des Weiteren muss ich sagen: Bei dieser Initiative geht es eben auch darum, ob in unserem Gesundheitssystem sichergestellt wird, dass die Komplementärmedizin mit Wahlfreiheit der Patientinnen und Patienten allen zugänglich ist und dass sie gleichberechtigt in die Behandlung einfliessen kann. Es ist vornehm zu sagen, man sei selbstverständlich auch für die Komplementärmedizin, aber bitte nicht als Bestandteil der Grundversicherung! Bei der Grundversicherung entscheidet sich letztlich, ob die Komplementärmedizin ein anerkannter Teil unseres Gesundheitswesens ist oder ob sie in einer Gesamtpalette des Gesundheitswesens bestenfalls sozusagen als Hobby nebenbei figuriert, gewissermassen zwischen Wellness und anderen Angeboten, aber nicht wirklich ernst gemeint.
Heute ist unbestritten, dass die Komplementärmedizin eine Ergänzung der Schulmedizin ist. Alle, die seriös damit befasst sind, wissen, dass sie auch nur als Ergänzung funktionieren kann. Immer noch gibt es Schulmediziner, die meinen, sie seien besonders wissenschaftlich, wenn sie die Komplementärmedizin mit sogenannt wissenschaftlichen Argumenten bekämpfen. Das ist absurd! Die Schulmedizin hat vielfach nicht die wissenschaftlichen Resultate erbracht - notabene mit Unsummen von Forschungsgeldern -, die sie für sich unter dem Titel der Wissenschaftlichkeit reklamiert. Handkehrum liegt ein Problem der Komplementärmedizin gerade darin, dass ihr nicht die nötigen Forschungsmittel zufliessen, damit sie tatsächlich in breiter abgestützten Studien den gleichen wissenschaftlichen Beweis erbringen kann.
An der Universität Zürich haben wir mit Professor Saller einen Komplementärmediziner, der auch Chefarzt des Universitätsspitales ist. Vergleichbare Verhältnisse haben wir in der Schweiz an praktisch keiner anderen Universität und in keinem anderen Universitätsspital. Da liegt das Problem. Die Kreise, die der Komplementärmedizin Wissenschaftlichkeit absprechen und nicht wollen, dass Komplementärmedizin ein anerkannter Bestandteil unseres Gesundheitswesens wird, verhindern auch, dass die Komplementärmedizin als gleichwertige Wissenschaft Eingang in unser Ausbildungssystem, in unser universitäres Spitalsystem und in unsere Universitäten findet. Vor diesem Hintergrund geht es bei dieser Initiative eben darum, dass die Gleichwertigkeit der Komplementärmedizin in der Verfassung festgehalten und dass damit garantiert wird, dass in der Ausführungsgesetzgebung detailliert bestimmt werden kann, mit welchen Konsequenzen für die Krankenkassen, die Institutionen der [PAGE 1248] Universitäten und die Institutionen der öffentlichen Spitäler das verbunden ist. In diesem Sinn, Frau Humbel Näf, ist die Initiative eben tatsächlich die Lackmusprobe: Komplementärmedizin - ja oder nein? Da müssen Sie jetzt Farbe bekennen; Ihre Schalmeienklänge verhallen sonst im Wald, wie wenn nichts geschehen wäre.