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Noser Ruedi · Nationalrat · 2007-06-21

Noser Ruedi · Nationalrat · Zürich · Freisinnig-demokratische Fraktion · 2007-06-21

Wortprotokoll

Herr Widmer hat Sie vorhin aufgerufen, hier als Nationalrat zu entscheiden, unser Sprachenproblem hier im Saal zu lösen und die Realität draussen im Land auszublenden. Ich bitte Sie selbstverständlich, das nicht zu tun.

Ich habe ja irgendwo noch ein wenig Verständnis für die Mehrheit der Kommission. Da haben doch die Kantone einen Sprachenkompromiss gefunden, und darauf hagelt es in der Deutschschweiz von links und von rechts Initiativen, die den Kantonen verbieten wollen, in der Volksschule zwei Sprachen zu unterrichten. Aber überhaupt kein Verständnis habe ich dafür, dass diese Parteien, die zum Teil in den Kantonen draussen diese Initiativen unterstützt haben, hier drin sagen, wegen dieser Initiativen sei Artikel 15 Absatz 3 nötig.

Was muss denn im Vordergrund stehen? Im Vordergrund steht doch nicht eine schweizweite Regelung, sondern der Erfolg der Kinder in ihrem beruflichen Leben. Weshalb sage ich das so deutsch und deutlich? Wenn die Jugend in unserem Land erfolgreich ist und wenn unser Land Rahmenbedingungen schafft, die es der Jugend erlauben, erfolgreich zu sein, wird sich diese Jugend auch für das Land einsetzen, das ihnen diese Chance gegeben hat. Eine erfolgreiche Schweiz ist in Gottes Namen eine internationale Schweiz. Wenn ein Elternteil bereits eine Sprache spricht, wissen wir, dass der Zugang für die Kinder einfacher ist. Wenn Nachbarn eine andere Sprache sprechen, wissen wir, dass es für die Kinder einfacher ist, diese zu lernen. Wenn Kinder bestimmte Idole oder Vorbilder haben, ist es für sie einfacher, einen solchen Zugang zu finden.

Wenn wir aber dieses Wissen akzeptieren, müssen wir auch akzeptieren, dass das Lernen einer Sprache von Kanton zu Kanton, vielleicht von Dorf zu Dorf oder sogar von Klasse zu Klasse unterschiedlich sein kann. Gestatten Sie mir ein ganz konkretes Beispiel: Meine Tochter geht in eine Schulklasse mit 22 Kindern; 15 davon müssen Stützunterricht in Deutsch haben. 15 Kinder dieser Klasse sind also nicht in der Lage, dem deutschen Unterricht zu folgen. Jetzt ist es aber nur logisch, dass es je nach Migrationshintergrund dieser 15 Kinder unter Umständen einfacher ist, mit Englisch zu beginnen, weil fünf davon schon etwas Englisch können, als wenn man mit 15 Kindern eine weitere Fremdsprache von Grund auf erlernen muss. Die Mehrheit will einen solchen pädagogischen Schluss nicht zulassen. Es wäre ebenfalls viel zu beschönigend, wenn man behaupten würde, dass jedes Kind in der Lage sein werde, zwei Fremdsprachen zu lernen. Bedenken Sie nur einmal, was die Pisa-Studie uns gezeigt hat: 20 Prozent unserer Schulabgänger sind mit fünfzehn Jahren nicht in der Lage, einen Zeitungsartikel zu verstehen, der in ihrer Landessprache abgefasst ist. Es ist auch wichtig, dass diese Kinder die Chance haben, eine Sprache zu lernen. Dabei sollen sie jene Sprache lernen, für die sie - und auch ihre Eltern - am meisten motiviert sind. Jetzt gibt es hier natürlich wieder verschiedene Schlüsse. Es gibt die Schlussfolgerung, dass das Französisch sein soll. Aber es gibt auch die Schlussfolgerung - aufgrund der Berufswünsche usw. -, dass es eventuell Englisch sein muss. Die Mehrheit möchte also nicht zulassen, dass man hier im [PAGE 1087] Sinne der Kinder und Eltern den richtigen Entscheid fällen kann.

Ganz wichtig wird diese Frage auf der Sekundarstufe II. Es gibt in der heutigen Zeit Berufe, in denen verlangt wird, dass man die Dokumentationen auf Englisch verstehen kann. Oder wollen Sie Windows Vista erst installieren, wenn die deutsche Dokumentation geliefert wird? Es gibt Firmen, die ihre interne Kommunikation voll auf Englisch umgestellt haben. Wenn man dort eine Lehre beginnen will, muss man in Gottes Namen ebenfalls über englische Sprachkenntnisse verfügen.

Ich finde es falsch, wenn wir als politisch denkendes Organ hier eine Priorität setzen. Wir müssen endlich einsehen: Wir brauchen Englisch, damit wir mit der Welt sprechen können, und wir brauchen eine zweite Landessprache, damit wir mit unseren Nachbarn sprechen können. Der Einwand, der immer wieder kommt und auch in der Kommission ab und zu kam, dass diese Kinder ja gar kein richtiges Englisch lernen würden, kann bei genauerem Hinsehen eben nicht aufrechterhalten werden. Nicht nur die englischen Rapper sprechen ein zum Teil sehr gewöhnungsbedürftiges Englisch. Auch die französischen Rapper sprechen ein sehr schlimmes Französisch, und die deutschen Rapper ein ebenso schlimmes Deutsch. Glauben Sie ja nicht, dass unsere Kinder heute im Französischunterricht noch Johnny Hallyday und Joe Dassin hören wollen. Die Mails und SMS der Jungen sind für jemanden über vierzig kaum mehr zu verstehen, egal in welcher Landessprache sie geschrieben sind. Jene, die behaupten, die jungen Leute würden kein richtiges Englisch lernen, müssen durchaus die Frage gestatten, ob der Widerstand gegen das Englische den Grund mehr darin hat, dass sie nicht akzeptieren wollen, wie unsere Jugend mit der Sprache umgeht.

Ich bitte Sie in diesem Sinne: Stützen Sie den kantonalen Kompromiss und unterstützen Sie die Minderheit.

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