Goll Christine · Nationalrat · 2008-09-18
Goll Christine · Nationalrat · Zürich · Sozialdemokratische Fraktion · 2008-09-18
Wortprotokoll
Bei den beiden vorangegangenen parlamentarischen Initiativen ging es um verbesserte Schutzmassnahmen, einerseits bei der Nachtarbeit, andererseits bei der Temporärarbeit. Mit meiner parlamentarischen Initiative 07.457 ziele ich auf einen besseren Schutz der Teilzeitarbeit, und zwar schlage ich Ihnen vor, dass wir das mit der Ratifizierung des Übereinkommens Nr. 175 der Internationalen Arbeitsorganisation aufgleisen.
Die Realität auf dem Schweizer Arbeitsmarkt zeigt: Teilzeitarbeit ist Frauenarbeit. Im europäischen Vergleich ist in unserem Land der Anteil teilzeitarbeitender Frauen mit 61 Prozent extrem hoch. Der Durchschnittswert im europäischen Mittel beträgt 30 Prozent. Das zeigt eine europäische Erhebung über die Arbeitsbedingungen. Teilzeitarbeit ist eine Form der Erwerbsarbeit, die in der Schweiz am stärksten bei Frauen im Altersspektrum zwischen 30 und 59 Jahren verbreitet ist; das weisen die aktuellen Daten des Bundesamtes für Statistik aus. Dass das so ist, ist kein Zufall, sondern es zeigt, dass das Bedürfnis nach Teilzeitarbeit besteht, weil die Frauen damit Beruf und Familienleben unter einen Hut bekommen können.
Zwischen den Jahren 1991 und 2005 hat die Zahl der Personen, die aus familiären Gründen Teilzeit arbeiten, deutlich, nämlich um rund 17 Prozent, zugenommen. Dabei zeigt sich aber auch ein starkes Gefälle zwischen den Geschlechtern. 2005 gaben 495 000 Frauen, aber nur 26 000 Männer an, aus Familiengründen teilzeitlich erwerbstätig zu sein. Unbestrittenermassen nimmt aber auch bei Vätern der Wunsch nach Teilzeitarbeitsstellen zu.
Teilzeitarbeit hat aber natürlich auch problematische Seiten. So ist Teilzeitarbeit immer öfter eine Notlösung für Arbeitnehmende, die keine Vollzeitstelle gefunden haben. Die Zahl der unfreiwillig teilzeitlich Erwerbstätigen schwankt je nach Konjunkturentwicklung. Zu dieser Form der Erwerbsarbeit sind aber auch zunehmend Arbeitnehmende gezwungen, die Mehrfachbeschäftigungen ausüben, um ihren Lebensunterhalt überhaupt bestreiten zu können. Auch Gründe wie Krankheit oder Behinderung spielen heute zunehmend eine Rolle bei der Ausübung einer teilzeitlichen Erwerbstätigkeit.
Damit sind auch die Folgeprobleme von teilzeitlicher Erwerbsarbeit angesprochen. Teilzeitarbeitende müssen gegenüber Vollzeitarbeitenden zahlreiche Diskriminierungen hinnehmen: beispielsweise beim Lohn, bei den Anstellungs- und Arbeitsbedingungen, bei den Regelungen bezüglich Ferien und Freitagen und insbesondere bei den Sozialversicherungen. Das gilt vor allem für Wirtschaftssektoren und Unternehmen ohne Gesamtarbeitsverträge. So haben viele teilzeitlich Erwerbstätige keine soziale Absicherung durch die zweite Säule, geschweige denn durch eine dritte Säule, weil sie Löhne beziehen, die unter der Schwelle für die obligatorische Versicherung in der beruflichen Vorsorge liegen. Oder noch schlimmer: Sie übertreffen zwar einkommensmässig diese Eintrittsschwelle, haben jedoch mehrere Teilzeitstellen, die nicht kumuliert werden können. Benachteiligungen ergeben sich für Teilzeitarbeitende aber auch bei den anderen Sozialversicherungszweigen, nicht nur im BVG, sondern auch bei der Invaliden- oder Arbeitslosenversicherung und insbesondere auch bei der Unfallversicherung.
Teilzeitarbeit ist leider auch immer noch ein Karrierehindernis. Teilzeitarbeit entspricht aber auch einem ausgesprochenen Bedürfnis der Wirtschaft. Mit der Ratifizierung der Konvention Nr. 175 über die Teilzeitarbeit und den daraus folgenden Anpassungen des Schweizer Rechtes würde die längst fällige Gleichstellung der Teilzeit- mit der Vollzeitarbeit und damit eben die Gleichbehandlung der Arbeitnehmenden verwirklicht. Wer mehr Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt fordert, muss auch bereit sein, für einen verbesserten Schutz der Teilzeitarbeit einzustehen. Damit wird nämlich auch eine Form der Erwerbsarbeit aufgewertet, die den Standort Schweiz stärkt, einen eigentlichen Wirtschaftsförderungsfaktor darstellt und sich positiv auf die wirtschaftliche Entwicklung in unserem Land auswirkt.