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Décision

RRB Nr. 1541/2008

Literaturkredit, Werkbeiträge und Auszeichnungen 2008

1 octobre 2008Allemand8 min

Source zh.ch

Literaturkredit, Werkbeiträge und Auszeichnungen 2008

Auszug aus dem Protokoll des Regierungsrates des Kantons Zürich Sitzung vom 1. Oktober 2008

1541. Literaturkredit (Werkbeiträge und Auszeichnungen 2008)

Erwägungen

Von den insgesamt 26 eingegangenen Gesuchen hat die Arbeitsgruppe für Literatur der Kulturförderungskommission deren 24 geprüft. Auf zwei Gesuche konnte nicht eingetreten werden, da sie nicht den Richt- linien entsprachen. An der letzten von vier Sitzungen hat sie am 8. Sep- tember 2008 beschlossen, dem Regierungsrat den Vorschlag zu unter- breiten, sechs Werkbeiträge und vier Auszeichnungen im Gesamtbetrag von Fr. 230 000 auszurichten. Der Betrag ist im Voranschlag 2008 enthal- ten. a) Werkbeiträge Jürg Beeler Im Roman «Solo für eine Kellnerin» zeigt Jürg Beeler zwei sympa- thische Männer, einen Onkel und seinen Neffen. Die beiden Männer sind fasziniert von Isabel, der sich entfernenden Ehefrau und Tante; sie beziehen Stellung und offenbaren abwechselnd ihre tiefsten Gefühle und Reflexionen hinsichtlich dieser Frau. Der Neffe, Tenorsaxofonist und Verführer, findet im Nachlass seiner Mutter Briefe: Vergangenes holt ihn ein und lässt nicht nur seine Herkunft in völlig neuem Licht erscheinen, sondern spiegelt auch seine Beziehungen zu Frauen – wie etwa jene zur Kellnerin Angelina – in beklemmender Weise wider. Leicht, präzise, mit Scharfsinn und Witz erzählt Jürg Beeler von Be- ziehungen in schwierigen Zeiten und lotet verborgene Bezirke der menschlichen Seele aus. Entstanden ist ein dichtes, raffiniert kompo- niertes Stück Sprachmusik, das eine delikate Stimmung voll feiner Melancholie und Harmonie heraufbeschwört. Isabella Huser für ihren bemerkenswerten Romanerstling «Das Benefizium des Ettore Camelli», der das bis ins 16. Jahrhundert zurückreichende ver- worrene Schicksal eines der Kirche gestifteten Landgutes im Trentino aus zwei ganz unterschiedlichen, geradezu gegensätzlichen Perspektiven erzählt und dabei die grosse Geschichte der Kaiser- und Königreiche, der Kriegs- und Friedenszeiten nahtlos in die intimen, die Generationen übergreifenden Geschichten von Liebe und Hass, von Kindersegen und Alltagssorgen einer dörflichen Familiendynastie übergehen lässt. Bei diesem Blick in die Tiefe der Zeiten und der Seelen verschlägt es dem Leser bisweilen den Atem und wird ihm der Boden unter den Füssen

entzogen. Allein, der souveräne Gestaltungswille der Autorin schafft aus den vielen Bruchstücken dieser an Turbulenzen und Verwerfungen reichen historischen Erzählung ein schillerndes Panoramabild von betörender Suggestivkraft. Petra Ivanov Der geplante Jugendroman «Reset» von Petra Ivanov schildert den Neubeginn der 16-jährigen Nicole, deren heile Welt am Zürichberg plötzlich zusammengebrochen ist. «Reset» erzählt nun von ihrem Neu- start in einer unvertrauten, fremden Welt – Schritt für Schritt. In der Albanerin Julie und ihrem Bruder findet sie neue Freunde und muss sich ihrerseits integrieren. Identitätssuche, Vorurteile, Integration und Umweltschutz: Wichtige aktuelle Themen sind in diesem temporeichen und psychologisch geschickt gebauten Jugendroman auf spannende Weise vereint. Stefanie Sourlier für die Weiterarbeit an ihrem ersten Romanprojekt «Nach Odessa». Auf der Suche nach der Vergangenheit reist eine junge Ich-Erzählerin in die ukrainische Stadt Odessa. Es ist der Ort, aus dem die jüdischen Vorfahren vertrieben wurden und von dem ihr die verstorbene Gross- mutter so viel erzählt hat. In Odessa trifft die junge Frau auf Sveta, die durch die Heirat mit einem Deutschen hofft, mit ihrer Tochter und der Mutter endlich auswandern zu können. Durch die Begegnung mit den drei Frauen beginnen sich Gegenwart und Vergangenheit zu durchkreu- zen, und die junge Frau versinkt immer tiefer in einer Welt, in der sich Realität und erzählte Erinnerungen allmählich vermischen. Stefanie Sourliers Romanprojekt besticht durch die Gegenläufigkeit der beiden Geschichten, die die Autorin reizvoll miteinander verbindet. In einer melodiös fliessenden Sprache erzählt, schafft sie dabei eine ganz eigene Atmosphäre, in der auch immer ein Hauch von Melancholie mit- schwingt. Bruno Steiger für sein erzählerisches Unternehmen mit dem Arbeitstitel «Ziele der Kleinen, Schönen», das nichts Geringeres verheisst als einen «postexis- tenzialistischen Anti-Entwicklungsroman». In seinem jüngst erschiene- nen Buch «Das Fenster in der Luft» lässt Bruno Steiger einen gewitzt- melancholischen Grenzgänger auftreten, der seine prekäre Daseinslage für aphoristisch zugeschliffene Erkenntnisse nutzt. Aus der Sicht eines ähnlich veranlagten Kaffeehaus-Hockers schildert Steiger in seinem neuen Roman eine Gruppe von Zwanzigjährigen, die orientierungslos in einer Kleinstadt herumhängen und ihrer nicht sonderlich rosigen Zukunftsfreuden harren. Es gehört zum beträchtlichen Reiz dieser

Prosa, dass sich die Gedankenspiele des «grossväterlichen» Beobach- ters den bald verzagten, bald unternehmungslustigen Lebe- und Liebe- leien des jugendlichen Personals aufs Verblüffendste anschmiegen. b) Auszeichnungen Lukas Bärfuss für seinen klugen Roman «Hundert Tage», in welchem der Erzähler einen Schweizer Entwicklungshelfer frohen Mutes, mit hehren Absich- ten und ungebrochenen Idealen nach Ruanda aufbrechen lässt, um ihn dort, in der Hölle des Genozids von 1994, an der Mauer der eigenen Vorurteile zerschellen zu lassen. Der Roman formuliert keine Polemik gegen die Entwicklungshilfe und auch keine Veranschaulichung von Adornos These, wonach im Falschen kein richtiges Leben möglich sei, vielmehr zeigt er in zunehmend erschütternden Bildern, wie der naive Glaube an die Überlegenheit europäischer Wertvorstellungen Schiff- bruch erleidet. Dass der Rückzug in die «splendid isolation» keinen Ausweg aus diesem Dilemma der Moderne darstellt, gehört zu den auf- wühlenden Erkenntnissen dieses Romans, der subtil und gekonnt die Zeitgeschichte mit Einzelschicksalen verknüpft und den Zusammen- prall der Kulturen nüchtern zur Anschauung bringt. Katharina Faber für ihren ergreifenden Roman «Fremde Signale», in dem drei Schutz- engel über das bewegte Leben eines Mädchens wachen, das in turbulen- tem Familienleben heranwächst und fortwährend sich selbst in Gefahr und seine Schutzengel in höchste Bedrängnis bringt, das schliesslich wider Erwarten erwachsen, Mutter und zuletzt Schriftstellerin wird, um nach einem fürchterlichen und auf wundersame Weise unbeschadet überstandenen Verkehrsunfall genau jene Geschichte aufzuzeichnen, die wir mit dem Roman in Händen halten. Abwechselnd und geradezu ins Gespräch, manchmal auch in freundschaftliche Dispute miteinander verwickelt, schildern die drei Schutzengel nicht nur das Leben ihrer Schutzbefohlenen, sondern berichten in bestürzenden Miniaturen auch aus ihrem eigenen, kurzen Leben, sodass sich der Horizont dieses hei- ter-melancholischen Romans weit in die Geschichte und bis ans Ufer der Wolga und des Hudson River öffnet. Anja Jardine für den Erzählband «Als der Mond vom Himmel fiel». Anja Jardines Geschichten sind Variationen von vielschichtigen Begegnungen: Es sind Momente des Glücks, ja der Liebe, die sich doch nur wieder verflüchti- gen. Zurück bleibt das Gefühl des Verlustes, der Sehnsucht und der Ein- samkeit. Da sind der Mann und die Frau, deren Blicke sich in der S-Bahn zufällig begegnen, und für eine kurze Bahnfahrt scheint es, als gehörten

sie als Paar zusammen. Und da ist der Alte auf der Apfelplantage, der durch die Liebesgeschichte eines jungen Arbeiters schmerzlich an sein längst vergangenes Glück erinnert wird. Präzise und subtil spürt Anja Jardine ihren Figuren nach und erzählt in einer dichten, sinnlichen Weise, wobei das Geheimnisvolle sich nie ganz entschlüsseln lässt. Linus Reichlin für den Kriminalroman «Die Sehnsucht der Atome». In der belgi- schen Stadt Brügge stirbt ein amerikanischer Tourist an einer rätselhaf- ten Krankheit, und ein kurios verbandeltes Dream-Team, bestehend aus einem altgedienten Polizeibeamten und einer ebenso attraktiven wie aufmüpfigen Blinden, ist um Aufklärung des Todesfalles und ande- res mehr bemüht. Die Ermittlungen führen die beiden auf abenteuer- lich verschlungenen Wegen in ein mexikanisches Bergdorf, wo ein Übel- täter gestellt, aber statt der Gerichtbarkeit einem Fluch ausgeliefert wird. Linus Reichlin ist ein überaus vergnüglicher Roman gelungen, gespickt mit Spannungselementen und anekdotischem Beiwerk, oder – wenn man den Deutungsmustern des Inspektors folgt: ein zwischen Zufall und Notwendigkeit, Wechselwirkung und Entropie schlingern- des quantenphysikalisches Experiment. c) Literaturhaus Zürich Seit seiner Gründung im Oktober 1999 hat sich das in der Museums- gesellschaft untergebrachte Literaturhaus als höchst anregendes Forum für Literaturinteressierte erwiesen. Mit seinen jährlich rund hundert Veranstaltungen zieht es eine bunt gemischte Kundschaft an. Hier wird Literatur aus der Region und allen Weltgegenden nicht akademisch abgehandelt oder abgehoben zelebriert, sondern auf möglichst vielfäl- tige Weise schmackhaft gemacht. Neben Lesungen, Buchvernissagen, Diskussionen, Workshops und Vortragszyklen finden auch literarische Wettbewerbe statt, die vor allem jüngere Autorinnen und Autoren zur Teilnahme ermuntern. Die für solche Attraktionen zuständigen Fach- frauen haben ein optimales Klima geschaffen, das den Kontakt zwi- schen Schreibenden und ihrem Lesepublikum zwanglos in Gang bringt. Der Beitrag gilt dem bevorstehenden zehnjährigen Jubiläum der Insti- tution. Er möge dazu dienen, die erfolgreiche Arbeit auf hohem Niveau fortzusetzen.

Dispositiv

Auf Antrag der Direktion der Justiz und des Innern beschliesst der Regierungsrat:

I. Aus dem Literaturkredit der Leistungsgruppe Nr. 2234, Fachstelle Kultur, werden zulasten der Erfolgsrechnung folgende Beiträge ausge- richtet:

Bärfuss Lukas Fr. 10 000 Beeler Jürg Fr. 40 000 Faber Katharina Fr. 10 000 Huser Isabella Fr. 20 000 Ivanov Petra Fr. 20 000 Jardine Anja Fr. 10 000 Literaturhaus Zürich Fr. 50 000 Reichlin Linus Fr. 10 000 Sourlier Stefanie Fr. 20 000 Steiger Bruno Fr. 40 000 Total Fr. 230 000

II. Die Übergabe der Werkbeiträge und der Auszeichnungen erfolgt im Rahmen der kulturellen Auszeichnungen 2008 am 24. November 2008 im Theater Neumarkt in Zürich.

III. Mitteilung an die Ausgezeichneten (durch Zuschrift der Direk- tion der Justiz und des Innern), die Arbeitsgruppe für Literatur der Kul- turförderungskommission (5) sowie an die Finanzdirektion und die Direktion der Justiz und des Innern.

Vor dem Regierungsrat Der Staatsschreiber:

Husi