Nachhaltigkeitsstandards Hochbau, Tiefbau und Wasserbau, Genehmigung, Auftrag
Standard Nachhaltigkeit Tiefbau
© 2017 Baudirektion Kanton Zürich
Tiefbauamt 20. Juni 2017
Erwägungen
Version 1.1 Der vorliegende Standard wurde mit Beschluss Nr. 652/2017 vom Regierungsrat genehmigt.
Standard Nachhaltigkeit Tiefbau
Zielsetzungen 4
Geltungsbereich und Systematik 4
Planungsprozess nachhaltig ausrichten 4 Gesellschaft 5 Wirtschaft 7 Umwelt 7
Zielsetzungen Eine nachhaltige Entwicklung des Kantons Zürich ist ein zentrales Anliegen des Regie- rungsrates. Mit einem Infrastrukturnetz, das auf die ökonomischen, ökologischen und gesellschaftlichen Gesamtinteressen ausgerichtet ist, leistet der Kanton Zürich a priori einen Beitrag an die nachhaltige Entwicklung des Kantons. Die hier vermittelten Standards zum nachhaltigen Bauen sollen dafür sorgen, dass auch die Erneuerung und Erweiterung des Infrastrukturnetzes nach nachhaltigen Grundsätzen erfolgt.
Geltungsbereich und Systematik Der Standard «Nachhaltigkeit Tiefbau» richtet sich an alle mit der Planung und Ausführung befassten Organe des Kantons Zürich. Die Systematik beruht auf der Verständigungsnorm SIA 112/2 und umfasst 22 Nachhaltigkeitskriterien für die drei Bereiche Gesellschaft, Wirt- schaft und Umwelt. Für jedes Kriterium werden Leitsätze aufgelistet und Massnahmen formuliert. Die Leitsätze beschreiben dabei die Richtung des nachhaltigen Handelns, wäh- rend unter Massnahmen allgemein gehaltene Anweisungen oder zu berücksichtigende Normen oder Werte aufgeführt sind.
Die konkrete Umsetzung stützt sich nach Möglichkeit auf bestehenden Gesetze, Verord- nungen, Normen oder anerkannte Standards. Der Massnahmenkatalog wird periodisch überprüft und dem Stand der Technik und der Nachhaltigkeitsdebatte angepasst.
Planungsprozess nachhaltig ausrichten Das nachhaltige Bauen lässt sich nicht allein auf sachzielorientierte Standards reduzieren. Genauso wichtig ist es, auch den Planungsprozess in einem Projekt nachhaltig auszurich- ten. Dazu gehört es, frühzeitig mögliche Zielkonflikte zwischen den einzelnen Kriterien oder mit weiteren Zielen zu identifizieren. Es sind die Interessenlagen und der Handlungsspiel- raum zur Beilegung oder Reduzierung der einander gegenüberstehenden Interessen zu analysieren, sodass sich die Bearbeitungstiefe, das Variantenspektrum, der Beizug von Fachspezialisten, die Konsultation von Ämtern und ein allfälliger öffentlicher Partizipations- prozess anforderungsgerecht ausrichten lassen.
Bei Schlüsselprojekten ist die Wirkung von Projekten hinsichtlich ihrer nachhaltigen Ent- wicklung (Umwelt, Gesellschaft, Wirtschaft) durch eine projektbegleitende Nachhaltigkeits- beurteilung festzustellen und zu bewerten. Gestützt darauf sind Projektverbesserungen zu evaluieren und umzusetzen.
Gesellschaft Raumentwicklung und Siedlung
Thema Leitsätze Massnahmen Landschaften, Eingriffe sind schonend vorzunehmen, Eine attraktive Gestaltung und eine gute Einbet- Ortsbilder und indem tung des Strassenraums in die Umgebung setzen Kulturraum Kulturlandschaften in ihrer Eigenart, das Bauwerk und die Landschaft in harmonischer Vielfalt und Schönheit geachtet Weise zueinander in Beziehung. Mit der substan- werden, ziellen Bewahrung von historischen Verkehrs- Geschichte und Bedeutung wegen bleiben der Nachwelt wertvolle Kulturgüter ablesbar gehalten wird, erhalten. Naherholungsräume erhalten oder neue geschaffen werden. Wohnqualität und … sind zu fördern, indem Die Sanierung von Strassen oder Ortsdurchfahrten Zusammenleben das soziale und kulturelle Entwick- hinsichtlich eines siedlungsverträglichen Verkehrs lungspotenzial von Ortschaften/ beruht auf einem Betriebs- und Gestaltungskon- Quartieren erhalten und gefördert zept. Eine sorgfältige Gestaltung des Strassen- wird, raums für den Langsamverkehr erhöht dessen funktionale Zusammenhänge erhal- Attraktivität. ten, verbessert oder wieder herge- stellt werden, die Zerschneidung von Siedlungs- räumen vermieden oder eliminiert wird. Zugang zur … sind zu gewährleisten, indem Mit der Umsetzung von kantonalen Richtlinien und Infrstruktur und ein guter und barrierefreier Zugang normativen Regelungen werden ausgrenzende Aufenthalts- zur öffentlichen Infrastruktur sicher- Barrieren und Hindernisse oder Gefahrenpoten- qualität gestellt wird, ziale sukzessive vermindert und die Strassen, die Aufenthaltsqualität im Umfeld Wege und Plätze damit für alle Menschen nutzbar von Infrastrukturbauten erhöht wird, gemacht. bestehende Infrastrukturen und das Mit der Evaluation von optimierten Bauabläufen wirtschaftliche Umfeld durch Bau- wird angestrebt, die baubedingten Einschränkun- vorhaben wenig beeinträchtigt wer- gen und Behinderungen für Anwohner, Gewerbe den. und Passanten auf ein tolerierbares Mass zu redu- zieren.
Gemeinschaft
Kommunikation … sind sicherzustellen, indem Mit einer breit abgestützten Projektorganisation und Partizipation betroffene Akteure frühzeitig mitein- werden die betroffenen Akteure über alle Phasen bezogen werden, hinweg in die Planungen einbezogen. Die Gemein- die Öffentlichkeit transparent und den und die Bevölkerung werden in Veranstaltun- zeitgerecht informiert wird. gen und durch eine zielgruppenorientierte Baustel- lenkommunikation umfassend informiert.
Thema Leitsätze Massnahmen Sozialverträg- … ist sicherzustellen, indem die Ein- Es gelten die gesetzlichen Vorschriften über das liches Verhalten haltung der Normen der Sozial- und öffentliche Beschaffungswesen (z.B. Verwendung aller Akteure Arbeitsgesetzgebung sowie der Kern- des Zuschlagskriteriums Lehrlingsausbildung). arbeitsnormen der Internationalen Nacht-, Schicht- und Wochenendarbeiten werden Arbeitsorganisation (IAO) verlangt und nur bei Schlüsselprojekten in Betracht gezogen, kontrolliert werden. wenn dies einer dringlichen Notwendigkeit ent- spricht. Die Notwendigkeit wird nach objektiven Kriterien geprüft. Rechtssicherheit … ist gewährleistet durch Berück- Die Projektierungs- und Ausschreibungsprozesse sichtigung der rechtlichen Rahmen- sind im Leitsystem des TBA dokumentiert. bedingungen in den Planungs- und Das TBA verwendet einheitliche Ausschreibungs- Realisierungsprozessen. und Vertragsunterlagen.
Gesundheit, Wohlbefinden, Sicherheit
Arbeitssicherheit … sind zu gewährleisten, indem die Mit der Ausschreibung werden Baumethoden und und Gesundheit Gesundheit der am Bauprozess Betei- Bauverfahren ausgeschrieben, die sichere Baupro- ligten geschützt und gefördert wird. zesse erlauben. Ein Sicherheitsbeauftragter sorgt dafür, dass das Risiko eines Berufs- bzw. eines Verkehrsunfalls bei der Durchführung von Unterhaltsarbeiten im Stras- senraum minimiert wird. Unfall- … sind sicherzustellen, indem Bestehende Unfallschwerpunkte werden identifi- vermeidung keine Personen durch Nutzung und ziert und durch bauliche Massnahmen eliminiert. und Rettung Betrieb der Bauten einem übermäs- Bei Neubauten und Instandsetzungen werden sigen Risiko ausgesetzt werden, immer die aktuellsten Sicherheitsnormen angewen- Rettungs- und Interventionsmöglich- det. Mit Road Safety Audits wird die Verkehrs- keiten geschaffen werden, sicherheit überprüft bzw. optimiert. Die Risiken für direkte Sachschä- den und Folgeschäden beschränkt werden, alle Sicherheitsmassnahmen getrof- fen werden, die verhältnismässig sind. Schutz vor … ist zu fördern, indem den Nutzern Strassenräume sowie Fuss- und Radwege im Gewalt und der kantonalen Tiefbauten ein hohes Siedlungsgebiet werden hell und übersichtlich Kriminalität Sicherheitsempfinden verschafft wird. gestaltet. Dies gilt besonders auch für Personen- unterführungen.
Wirtschaft Betriebswirtschftliche Sichtweise
Thema Leitsätze Massnahmen Baukosten … sind unter Berücksichtigung der Die Wirtschaftlichkeit bzw. das Nutzen-Kosten- Lebenszykluskosten zu optimieren. Verhältnis wird in jedem Projekt ausgewiesen, insbesondere unter Berücksichtigung der Lebens- zykluskosten. Mit einheitlichen, auf dem ganzen Verkehrsnetz geltenden Ausbaustandards werden die Staats- strassen zweckmässig und kostengünstig erstellt sowie unterhaltsarm betrieben. Nutzung … ist bestmöglich für zusätzliche Zwe- Dort, wo es sinnvoll ist, wird die Doppelnutzung der vorhandener cke wie auch im Rahmen von Umbau- Strasseninfrastruktur geprüft (Fotovoltaikanlagen Infrastruktur oder Ersatzbauprojekten zu prüfen. bei Lärmschutzwänden usw.).
Volkswirtschaftliche Sichtweise
Volkswirtschaft- … ist über den gesamten Lebens- Infrastrukturprojekte sowie die flächendeckende liches Nutzen- zyklus der Baute zu optimieren. Realisierung von Lärmschutzmassnahmen werden Kosten-Verhältnis anhand der Parameter «Effektivität» (Zielerreichung) und «Effizienz» (Nutzen-Kosten-Verhältnis) beurteilt.
Umwelt Energie und Bodennutzung
Thema Leitsätze Massnahmen Energie- … ist über den gesamten Lebens- Mit energiesparsamen Leuchten, einem reduzier- verbrauch zyklus zu minimieren. ten Nachtbetrieb oder dem Verzicht von Strassen- Dabei sind nicht erneuerbare durch beleuchtungen auf Ausserortsstrecken wird der erneuerbare Energieträger zu sub- betriebliche Energieverbrauch im Strassenwesen stituieren minimiert. und die Gewinnung und Nutzung Der Strombedarf wird mit Stromprodukten aus von erneuerbarer Energien anzu- erneuerbarer Energie abgedeckt, falls die Wirt- streben. schaftlichkeit bzw. das Nutzen-Kosten-Verhältnis ausgewiesen ist. Mit kurzen Transportstrecken und Minimierung der Leerfahrten wird der Energieverbrauch während der Bauphase gesenkt. Boden … ist mit grösster Sorgfalt zu behan- Nicht zu vermeidende Flächenverluste von wert- deln, indem vollen Böden werden innerhalb des Kantonsgebiets der permanente und temporäre durch Aufwertungen kompensiert. Ein Bodenabtrag Bodenbedarf minimiert wird, wird so ausgeführt, dass der Boden sich wieder- die Beanspruchung und Beeinträch- verwenden lässt. tigung des Bodens während des Standardisierte Regelquerschnitte gewährleisten Baus minimiert wird, einen geringen Flächenverbrauch bei der Anlage wertvolle und empfindliche Böden von Strassen, Fuss- und Radwegen im Ausserorts- geschont werden, bereich.
Thema Leitsätze Massnahmen Bodenflächen beim Ersatz oder Rückbau von Anlagen wieder- hergestellt werden.
Umweltbelastungen
Lärm, Diesen Emissionen wird Rechnung Lärmsanierungsmassnahmen erfolgen unter Rück- Erschütterungen, getragen, indem sichtnahme auf die Wohnqualität. NIS eine Zunahme der Belastungen Die technische Entwicklung zu lärmarmen Belägen durch Lärm, Erschütterungen wird ständig beobachtet, getestet und – wo sinnvoll oder NIS vermieden wird, und möglich – auch bei Strassensanierungen die Belastungen möglichst unter umgesetzt. die gesetzlich vorgeschriebenen Die Fachstelle Lärmschutz als Beratungs- und Voll- Grenzwerte reduziert werden, zugsbehörde stellt die fachgerechte und verhält- die Emissionen an der Quelle ver- nismässige Umsetzung der Lärmsanierungsmass- mindert werden, nahmen sicher. die Emissionen während der Bauphase minimiert werden. Luftschadstoffe Diesen Emissionen wird Rechnung Der Einsatz von geprüften Partikelfiltersystemen bzw. getragen, indem wird bei Baumaschinen strikte durchgesetzt. Bei Beeinträchtigung Menschen, Tiere, Pflanzen, ihre Grossvorhaben werden weitergehende Massnah- des Klimas Lebensgemeinschaften und men wie Bahntransporte geprüft. Lebensräume vor schädlichen oder Die technische Entwicklung zu Niedertemperatur- lästigen Luftverunreinigungen Asphaltbelägen zwecks Verringerung der Dämpfe geschützt werden, und Aerosole sowie von CO2-Emissionen wird in stark belasteten Gebieten die gefördert und nach Möglichkeiten umgesetzt. Luftbelastungen gesenkt werden, die Treibhausgasemissionen redu- ziert werden. Oberflächen- … sind qualitativ und quantitativ zu In seiner Vorbildfunktion setzt der Kanton die gewässer und schützen und aufzuwerten, indem Gewässerschutzvorschriften auf eigenen Baustel- Grundwasser sie vor Verunreinigungen, Aufwär- len durch. mungen und Durchflussbehinderun- Mit der Umsetzung der Vereinbarung zwischen gen geschützt werden, dem AWEL und dem TBA wird die Belastung durch die Wasserqualität verbessert wird die Strassenentwässerung reduziert. natürliche Wasserkreisläufe geschont oder wiederhergestellt werden, der Gewässerraum von Fliess- gewässern und stehenden Gewässern gesichert wird.
Thema Leitsätze Massnahmen Natur und Eingriffe sind schonend vorzunehmen, Mit einer naturnahen Gestaltung von Böschungen Landschaft indem und anderen Grünflächen werden kleinräumig wert- Projektvorhaben bestmöglich ins volle Lebensräume wieder hergestellt. Landschaftsbild integriert werden, Kunstbauten und Terrainmodellierungen landschafts- schonend und umfeldgerecht gestaltet werden, naturnahe Lebensräume sowie Ver- bindungskorridore erhalten, eben- bürtig wiederhergestellt oder neue ökologisch funktionsfähige Lebens- räume geschaffen werden, sie bei inventarisierten Lebensräu- men Bauten vermieden werden, auf kleinräumig wertvolle Lebens- räume Rücksicht genommen wird.
Rohstoffe, Baustoffe
Umwelt- und … ist sicherzustellen, indem Die in der Kreislaufwirtschaft des Bauwesens ressourcen- umwelt- und ressourcenschonend anfallenden Beton- und Asphaltgranulate werden, schonender hergestellte Bau- und Hilfsstoffe soweit baustoffgerecht und ökologisch sinnvoll, Materialeinsatz verwenden werden, maximal wiederverwendet. Die Wiederverwendung langfristig «gut verfügbare» Primär- von PAK-haltigem Material richtet sich nach den und Sekundärrohstoffe verwenden Vorgaben der VVEA. werden, der Energieverbrauch und die Umweltbelastung bei Gewinnung, Herstellung, Transport und Einbau der Bau- und Hilfsstoffe möglichst gering sind. Rückbaubarkeit … ist zu gewährleisten, indem Kon- Die Strassenbauelemente werden so angeordnet, struktionen und Systeme mit guter dass den unterschiedlichen Lebensdauererwartun- Auswechselbarkeit, Trennbarkeit und gen Rechnung getragen wird. Medien mit kürzeren Rezyklierfähigkeit gewählt werden. Lebenserwartungen werden in der Regel nicht in der Fahrbahn platziert. Die Rezyklierfähigkeit wird gefördert, indem sich die Konstruktionen und Systeme in ihre ursprüng- lichen Komponenten/Materialien trennen lassen. Wiederverwen- … ist sicherzustellen, wobei auch Aushubmaterialien werden, soweit geeignet und dung von Aushub, belastete Aushub- und Rückbaumate- wirtschaftlich vertretbar, innerhalb des Projekts Ausbruch- und rialien zu verwerten sind, soweit dies oder durch Abgabe an Dritte wiederverwendet, Rückbau- ökologisch sinnvoll, technisch machbar ansonsten umweltverträglich entsorgt. materialien und wirtschaftlich tragbar ist.
Umweltrisiken
Naturgefahren … ist ausreichend Beachtung zu Die Kunstbauten werden hinsichtlich Erdbeben- schenken, indem sicherheit flächendeckend überprüft und wenn der Vorbeugung sowie der Bewäl- erforderlich mit Massnahmen ertüchtigt. tigung von Schäden und der Re- generation Rechnung getragen wird und Massnahmen aufeinander abgestimmt werden, Entwässerungen so geplant werden, dass Maximalabflüsse so weit wie möglich reduziert werden, die verfügbaren Mittel kostenoptimal eingesetzt werden.