24.4694 · Interpellation · 2024-12-20
Departement des Innern
Stellungnahme zum Vorstoss liegt vor
Wortlaut
Das Alevitentum ist eine eigenständige Glaubensgemeinschaft mit Wurzeln in Anatolien und gehört zu den Naturreligionen. Auch in anderen Ländern wie Syrien gibt es Aleviten, die bis heute oft Verfolgung, Vertreibung und Gewalt erfahren.
Die Glaubensgemeinschaft zeichnet sich durch Werte wie Toleranz, Gleichberechtigung der Geschlechter, die Ablehnung von Gewalt sowie die Trennung von Religion und Staat aus. Aleviten besuchen keine Moscheen, sondern treffen sich zu sogenannten Cem-Versammlungen, in denen Gebete, Musik, rituelle Tänze (Semah) und spirituelle Erzählungen im Mittelpunkt stehen. Es gibt keine Kleidervorschriften, und die Gemeinschaft lehnt Missionierung und religiösen Dogmatismus ab.
Auch in der Schweiz ist das Alevitentum vertreten, mit zahlreichen aktiven Vereinen und Organisationen. Seit 2012 ist die Alevitische Gemeinde Basel öffentlich-rechtlich anerkannt. Dennoch erfasst das Bundesamt für Statistik (BFS) Aleviten derzeit in der Sammelkategorie „muslimische und aus dem Islam hervorgegangene Gemeinschaften“. Dies geschieht trotz der Antwortoption „Alevit:in“ in den Erhebungen.
Angesichts der kulturellen und religiösen Eigenständigkeit des Alevitentums sowie internationaler Vorbilder, wie Deutschland und Österreich, stellt sich die Frage, wie Aleviten in der Schweiz statistisch präziser erfasst werden können. Eine differenzierte Kategorisierung würde nicht nur der historischen und kulturellen Bedeutung der Gemeinschaft Rechnung tragen, sondern könnte auch eine Grundlage für faktenbasierte politische Entscheidungen sowie gesellschaftliche Sichtbarkeit und Anerkennung schaffen.
Der Bundesrat wird gebeten, folgende Fragen zu beantworten:
Ist das BFS bereit, die aktuelle Kategorisierung der Aleviten in den religiösen Statistiken zu überprüfen, insbesondere im Hinblick auf deren Eigenständigkeit als Glaubensgemeinschaft?
Welche Massnahmen werden ergriffen, um sicherzustellen, dass diese Überprüfung in enger Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Expert:innen (auch mit alevitischen Wurzeln) erfolgt?
Welche Bedeutung misst der BR einer präzisen statistischen Erfassung der Aleviten bei, insbesondere im Hinblick auf die Förderung ihrer gesellschaftlichen Anerkennung und Sichtbarkeit?
Gibt es Überlegungen, die Schweizer Erhebungen zu Religionen an internationale Vorbilder wie Deutschland und Österreich anzupassen, die Aleviten als eigenständige Gruppe anerkennen?
Stellungnahme des Bundesrates
Die Religionszugehörigkeit wird seit 2010 im Rahmen der jährlichen Volkszählung durch die Strukturerhebung ermittelt, einer Stichprobenerhebung bei rund 200'000 Personen. Hauptziel der Erhebung ist die Beobachtung der sozioökonomischen und der soziokulturellen Strukturen der Bevölkerung in der Schweiz. Die Statistiken aus der Strukturerhebung beantworten auch Fragen zur Religionslandschaft in der Schweiz.
1. Die aktuelle Nomenklatur des Bundesamts für Statistik (BFS) stammt aus dem Jahr 2007 und wurde in enger Zusammenarbeit mit der Universität Lausanne entwickelt. Die Religionslandschaft in der Schweiz hat sich seither deutlich verändert. Deshalb ist eine Überprüfung der Nomenklatur angezeigt. Dabei wird auch die aktuelle Kategorisierung von Alevitinnen und Aleviten und anderen Religionsgemeinschaften geklärt. 2. Das BFS wird bei der geplanten Revision, wie schon 2007, wissenschaftliche Expertinnen und Experten aus den Religionswissenschaften beiziehen. 3. Die Regelung des staatlichen Verhältnisses zu den Religionen ist kantonalem Recht vorbehalten (Art. 72 Abs. 1 BV; SR 101). Es liegt in der Kompetenz der Kantone, ausgewählten Religionsgemeinschaften einen besonderen Status zu verleihen. Mit der Modernisierung des Volkszählungssystems ab 2010 konnte die statistische Erfassung der Religionszugehörigkeit und damit auch die benötigten Entscheidungsgrundlagen verbessert werden. So liegen seit 2010 jährliche Ergebnisse zur Religionszugehörigkeit der Bevölkerung ab 15 Jahren vor. Zudem wird das Thema alle fünf Jahre wird mit der Erhebung «Sprache und Religion» vertieft. 4. Im Fragebogen der jährlichen Strukturerhebung der eidgenössischen Volkzählung können Alevitinnen und Aleviten als eigenständige Gruppe erfasst werden. Die Zugehörigkeit kann von den Mitgliedern dieser Glaubensgemeinschaft im Textfeld eingetragen werden. Eine spezifische Auswertung ist jedoch auf Grund der kleinen Grösse der Gruppe mit dieser Stichprobenerhebung nicht möglich.