Fässler-Osterwalder Hildegard · Nationalrat · 2010-09-27
Fässler-Osterwalder Hildegard · Nationalrat · St. Gallen · Sozialdemokratische Fraktion · 2010-09-27
Wortprotokoll
Unser Föderalismus darf nicht zu Benachteiligungen von Kindern und Jugendlichen führen. Das gilt insbesondere beim Zugang zu Leistungen, die etwas kosten. Beim Sport hat man das längstens begriffen. Früher, in meiner Jugend, gab es VU, also Vorunterrichts-Angebote; manchmal sogar für Mädchen. Der Zugang war einfach und gratis. Heute ist das im Sport auch so dank "Jugend und Sport".
Bei der Musik war und ist das anders. Der Zugang war zu meiner Zeit zufällig und längst nicht für alle Kinder offen. Bei mir war es mein Primarlehrer, der mir und andern Kindern ab der ersten Klasse Blockflötenunterricht für einen Franken pro Stunde erteilte, was ich während neun Jahren sehr genossen habe. Andere Kinder hatten vielleicht einen Vater, der in der Musikgesellschaft war, und profitierten so von einem Zugang zum Musikunterricht. Heute gibt es den Weg über die Musikgesellschaften immer noch - hier die Offenlegung meiner Interessen: Ich war jahrelang Mitglied einer Blasmusik und bin heute noch Fahnengotte einer solchen.
Die Musikgesellschaften und ihr Angebot, diesen Weg gibt es immer noch. Die Musikschulen gibt es heute in institutionalisierter Form, nicht mehr nur wegen initiativer Lehrpersonen. Aber der Zugang ist nicht so einfach wie beim Sport. Insbesondere sind die Kosten für eine mehrköpfige Familie kaum tragbar. Wir wissen aber, und es ist heute schon mehrfach gesagt worden: Für uns Menschen sind Sport und Musik wichtig, aber das Angebot ist unterschiedlich. Wieso ist das so? Ich habe eine Vermutung, und ich hoffe sehr, dass Sie mit einem Ja zur Initiative meine Vermutung widerlegen.
Der VU mit seiner sportlichen Ausbildung der jungen Leute war der erste Schritt zu körperlich fitten Soldaten. Deshalb spielte dort der Bund die Hauptrolle und nicht die Kantone. Dies wurde dann auf "Jugend und Sport" übertragen, zu Recht. Worauf wird man mit einer musikalischen Ausbildung vorbereitet? Auf ein friedliches, sinnerfülltes gemeinschaftliches Leben. Dahinter soll der Bund nicht stehen, das soll dem Kantönligeist überlassen sein?
Das kann nicht Ihr Ernst sein; machen Sie den gleichen Schritt wie beim Sport, schauen Sie, dass nicht der Kantönligeist überwiegt, gewähren Sie allen Kindern und Jugendlichen dieselben Voraussetzungen, sagen Sie Ja zu dieser Initiative.