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Kiener Nellen Margret · Nationalrat · 2011-03-17

Kiener Nellen Margret · Nationalrat · Bern · Sozialdemokratische Fraktion · 2011-03-17

Wortprotokoll

Das Erwerbsleben sollte kein Sprint, sondern ein Langstreckenlauf sein. Als frühere Mittelstreckenläuferin habe ich vor beidem Respekt. Für einen Langstreckenlauf ist es ratsam, dass Frau und Mann ihre Kräfte gut einteilen. Die Annahme der Initiative "6 Wochen Ferien für alle" ist ein gutes Mittel, um länger gesund und motiviert zu bleiben.

Den Arbeitnehmern wird zunehmend höchste Anpassungsbereitschaft abverlangt. Laufend strukturieren die Betriebe um. Die Menschen müssen immer mehr Arbeiten gleichzeitig erledigen und werden immer häufiger im Arbeitsablauf unterbrochen. Das führte dazu, dass der Stress und die Belastung an den Arbeitsplätzen drastisch gestiegen sind. Deshalb ist es ein Gebot der Stunde, hier einen Ausgleich zu schaffen. Die Menschen brauchen Zeit, um sich regelmässig zu regenerieren. Ferien haben bedeutet ja nicht, sich in den Liegestuhl zu legen. 6 Wochen Ferien kommen vor allem auch den Kindern zugute, den betreuungs- und pflegebedürftigen Eltern oder Angehörigen und auch der sonst vielgelobten freiwilligen Arbeit in Sportorganisationen, gemeinnützigen Organisationen und Kultur. Deshalb sind 6 Wochen Ferien kein Luxus.

Die Verteilung der Arbeit ist in eine gefährliche Schieflage geraten. Das Idealalter von Arbeitnehmern scheint zwischen 25 und allerhöchstens 45 Jahren zu liegen. Dabei sollen diese möglichst lang pro Tag arbeiten und mit so wenig Ferien wie möglich auskommen. Nirgends in Europa gibt es eine höhere Wochenarbeitszeit als in der Schweiz. Gleichzeitig gibt es immer mehr Langzeitarbeitslose. Diese erscheinen nur zum Teil in der Arbeitslosenstatistik. Sie tauchen dafür vermehrt bei der Invalidenversicherung und jetzt zunehmend bei der Sozialhilfe auf. Das ist eine verantwortungslose Gesellschaftspolitik, denn gleichzeitig wollen gewisse Kreise ja auch noch das Rentenalter heraufsetzen. Dies führt dazu, dass immer mehr Menschen aus der Gesellschaft ausgegrenzt werden. Da werden Menschenleben zerstört; das ist unwürdig, und das belastet die Volkswirtschaft enorm. Die Arbeit ist auf mehr Schultern zu verteilen.

Die Arbeitnehmer müssen endlich auch am Produktivitätsgewinn beteiligt werden. Natürlich kosten zusätzliche Ferienwochen etwas, aber das dürfen sie auch, denn die Arbeitsproduktivität ist in den letzten 15 Jahren um über 20 Prozent gestiegen, und die Löhne haben sich demgegenüber um weniger als 5 Prozent erhöht. Diese Produktivitätsgewinne müssen nun mindestens zum Teil an die Arbeitnehmer zurückgegeben werden, und zwar in Form von zusätzlichen Ferien. Wir bezahlen ja sowieso - via Steuern -, nämlich die Sozialhilfekosten und, wie schon ausgeführt, die Gesundheitskosten von bis zu 10 Milliarden Franken pro Jahr.

Bundesrat und Gegnerschaft argumentieren, die Initiative lasse wenig Flexibilität zu, man könne ja zum Beispiel auch die Wochenarbeitszeit verkürzen - genau so würden sie umgekehrt gegen die Forderung nach einer kürzeren Wochenarbeitszeit argumentieren.

Nur wenn es beiden gut geht, Arbeitnehmern und Arbeitgebern, können wir von einer gesunden Wirtschaft sprechen; nur dann bleibt die Schweizer Wirtschaft konkurrenzfähig und nachhaltig. Ich unterstütze deshalb die Initiative "6 Wochen Ferien für alle" mit Überzeugung und bitte Sie, dasselbe zu tun.