Gilli Yvonne · Nationalrat · 2012-09-18
Gilli Yvonne · Nationalrat · St. Gallen · Grüne Fraktion · 2012-09-18
Wortprotokoll
Um es gleich vorwegzunehmen: Die Grünen befürworten eine Teilnahme der Schweiz an der Weltausstellung 2015 in Mailand und sagen auch Ja zu den vorgesehenen finanziellen Verpflichtungen von 23 Millionen Franken der öffentlichen Hand.
Die Weltausstellung wird unter dem Motto "Den Planeten ernähren. Energie für das Leben" geführt, einem Thema, das uns alle und insbesondere praktisch alle europäischen Staaten, auch die Schweiz, direkt ansprechen muss, wo doch unser ökologischer Fussabdruck viermal grösser ist als die Biokapazität. Das heisst, wir konsumieren nicht nachhaltig; wir übernutzen unsere eigenen Reserven und überleben in dieser Form nur dank Importen, auch von Nahrungsmitteln. Im Übrigen teilen sich Norditalien und die Schweiz Wasser- und Fischreserven mit den Seen, die diese Länder verbinden, mit dem Lago Maggiore und dem Lago di Lugano.
Warum ist das Welternährungsthema und somit das Thema der Weltausstellung in Mailand so zentral? "Mangelnde Nahrungsmittelsicherheit und Trinkwasserversorgung stellen die ultimative Energiekrise dar", sagte der Historiker Daniele Ganser am Millenniumstag in Basel. Das Siegerprojekt für die Gestaltung des Schweizer Pavillons will genau zur Welternährungssituation Stellung beziehen, indem es die Verfügbarkeit und Verteilung von Lebensmitteln darstellt und die Besucher anregt, das eigene Verhalten zu hinterfragen. Daneben nutzt die Schweiz ihre Präsenz, um ihre wirtschaftlichen Beziehungen mit Italien weiterzuentwickeln und ihre Stärken im internationalen Kontext zu zeigen.
Zwei für die Grünen wesentliche Punkte sind bis heute an der entwickelten Konzeption kritisch zu hinterfragen: die ökologische Nachhaltigkeit als Erstes und das Bewusstsein für Genderfragen im Zusammenhang mit der Welternährungssicherheit als Zweites.
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Zum ersten Punkt: Wenn im Schweizer Pavillon Nahrungsmittel en masse zum Mitnehmen angeboten werden, ohne dass diese nachgefüllt werden, dann stimmt das möglicherweise in der zweiten Ausstellungshälfte die Besucherinnen und Besucher vor leeren Regalen nachdenklich und erinnert an diejenige Milliarde Menschen, die u. a. wegen unserem Überfluss Hunger leidet. Der ökologischen Nachhaltigkeit in der Produktion, in der Lagerung, im Transport und im Konsum von Nahrungsmitteln ist dabei aber nicht Genüge getan. Wir hoffen sehr, dass die Wege zu einer nachhaltigen Entwicklung auch der Schweizer Landwirtschaft in dieser Ausstellung eine zentrale Rolle spielen. Vergessen wir nicht, dass die Slow-Food-Bewegung, die heute 100 000 Mitglieder aus 50 Ländern zählt, in Norditalien entstand. Ihr Credo: das Essen als Genuss mit qualitativ hochstehenden, geschmacksstarken, ökologisch und fair produzierten Lebensmitteln im Gegensatz zur chemisch-industriellen Fastfood-Massenabfertigung. Und vergessen wir auch nicht, dass Italien der grösste europäische Bioproduzent ist, wenn wir an das zukünftige Potenzial einer nachhaltigen wirtschaftlichen Zusammenarbeit denken.
Einen zweiten Aspekt haben wir in der Präsentation zum Schweizer Auftritt völlig vermisst. Das ist die zentrale Rolle, die Frauen spielen, wenn es um die globale Ernährungssicherheit geht. In armen Ländern sind Frauen für ungefähr 80 Prozent der gesamten Lebensmittelproduktion verantwortlich, vom Jäten und Pflanzen bis zum Verkauf auf den Märkten. Werden ihnen Landrechte, Bildung und finanzielle Unabhängigkeit gewährt, schafft dies nachweislich das beste Fundament für eine Verbesserung der Ernährungssituation; es ermöglicht wirtschaftliche Entwicklung und bremst das Bevölkerungswachstum. Was den Hunger betrifft, so sind es wieder die Frauen und Mädchen, die leiden. Schätzungen zufolge sind 60 Prozent der chronisch hungernden Menschen Frauen und Mädchen. Die Länder mit den grössten Geschlechterungleichheiten haben die höchsten Hungerraten. Vor diesem Hintergrund wundert es uns schon, dass die Projektverantwortlichen fast ausschliesslich Männer sind und in der 13-köpfigen Jury noch genau für zwei Frauen Platz war. Übrigens sind es auch in der Schweiz vor allem die Frauen, die Nahrungsmittel kaufen.
Wir sind deshalb froh, dass der Schweiz noch drei weitere Jahre der Vorbereitung auf die Weltausstellung in Mailand verbleiben, Zeit, um das kreative Siegerprojekt und das Kooperationsprojekt der Gotthardkantone und der beteiligten Branchenorganisationen für Nachhaltigkeit und Gendergerechtigkeit, zwei Grundvoraussetzungen für das Leitmotiv in Mailand - "Den Planeten ernähren. Energie für das Leben" - zu sensibilisieren.