Ingold Maja · Nationalrat · 2013-04-16
Ingold Maja · Nationalrat · Zürich · Fraktion CVP-EVP · 2013-04-16
Wortprotokoll
Unbestritten ist, dass Kinder viel mehr kosten, als alle Steuerabzüge, Zulagen und Vergünstigungen zusammen ausmachen. Vor diesem Hintergrund müsste man für alle Erhöhungen des Familiengeldes grünes Licht geben. Was es aber unmöglich macht, diese Volksinitiative zu unterstützen, ist der komplett realitätsferne Ansatz des Familienbildes. Es ist das Familienbild vor vierzig Jahren, als es zwei Kategorien gab: diejenige der Selbstbetreuenden und diejenige der Fremdbetreuenden, die ihre Kinder die ganze Woche in die damals verpönten Kinderkrippen gaben. Ich weiss, wovon ich rede, weil ich selber Kinder betreut habe und in der Zeit des Umbruchs eine Betriebskommission einer grossen Krippe geleitet habe. In den vergangenen Jahrzehnten ist die Kita zu einer die Integration fördernden und die Sozialisation begünstigenden Institution geworden. Die Eltern wählen für ihre Kinder die für sie beste Kombination von mitbetreuenden Personen, privat oder in einer Kita. Die Definition von Fremdbetreuung und Eigenbetreuung oder Selbstbetreuung ist dafür aber nicht mehr passend: Bezüglich der Betreuungsmodelle in heutigen Familien ist die Definition in dieser Volksinitiative auch völlig unklar, überholt und auch ungerecht.
Ich habe sechs Enkel, die in drei Familien zum allergrössten Teil selbst betreut werden. Zwei Familien gehören nach der Definition zu den fremdbetreuenden, weil sie einen Tag pro Woche die Kita in Anspruch nehmen. Die dritte Familie fällt unter die selbstbetreuenden, weil sie, obwohl gerade diese Mutter mit dem grössten Arbeitspensum von 70 Prozent unterrichtet, ihre Kinder von Grosseltern, Tanten und Nachbarn im privaten Abtausch betreut. Das Ergebnis ist also: zwei fremdbetreuende Familien und eine selbstbetreuende. Es ist aber komplett falsch, wenn man die effektive Zeit zusammenzählt, die eine Familie mit den Kindern verbringt.
Hören wir doch besser auf mit dieser realitätsfernen Einteilung in Fremdbetreuung und Selbstbetreuung, mit diesem antiquierten Definitionssumpf! Diese Vorstellung rührt aus einer Zeit, wo Kinder, wenn sie schon in eine Krippe gehen mussten, die ganze Woche dort waren. Heute ist der Durchschnitt zwei Tage. Es ist doch nicht adäquat, die Trennlinie zwischen Selbst- und Fremdbetreuung bei der Kostenpflicht anzusetzen!
Auch die Grossväter, Tanten und Nachbarinnen sind so fremd wie eine Tagesmutter oder eine Kleinkinderzieherin in der Kita. Auch diese betreuen die Kinder nur kurze Zeit im Verhältnis zu einer ganzen Woche, das heisst siebenmal Tag und Nacht. Da bleibt den Eltern immer noch der grössere Teil Selbstbetreuung. Sogar bei Kindern, die fünf Tage pro Woche in der Kita sind, verbringen die Eltern noch gleich viel Zeit mit den Kindern selber. Die Unterscheidung ist eine tendenziöse Zementierung eines Rollenbildes der Vergangenheit und untauglich für die Zukunft - und zudem ungerecht, weil sie eine Bewertung von Familienleistung suggeriert.
Wenn ich die idealen Voraussetzungen beschreibe, in denen Kinder aufwachsen und optimal in unsere Gemeinschaft hineinwachsen, dann würden sie teilweise in die Kita gehen, vor allem, wenn sie keine Geschwister hätten, und die meiste Zeit bei den Eltern sein. Dafür ist diese heute künstliche Trennung von Selbst- und Fremdbetreuung der Initiative das falsche Konzept. Um aber dem guten Teil dieser Initiative zum Durchbruch zu verhelfen, nämlich die Familienfreundlichkeit für alle zu heben, muss man die Zulagen für alle Familien anheben.
Unterstützen Sie deshalb den Rückweisungsantrag Streiff mit dem Auftrag an den Bundesrat, einen indirekten Gegenvorschlag auszuarbeiten, der allen einen moderat höheren Kinderabzug gewährt. Übersteigen die Kinderbetreuungskosten den Kinderabzug, dann greift die Steuerabzugsmöglichkeit bezüglich der Kita. Dieses Konzept birgt nicht das Risiko, ein Familienbild zu begünstigen, das für die gesellschaftliche Integration und den Aufbau von Werten wie Solidarität, Respekt und Rücksichtnahme gar kein besonderer Gewinn ist.