Estermann Yvette · Nationalrat · 2013-04-17
Estermann Yvette · Nationalrat · Luzern · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei · 2013-04-17
Wortprotokoll
Ja, man kann für die Initiative sein, man kann gegen diese Initiative sein, das ist das Recht eines jeden. Es gibt genügend Gründe dafür und dagegen.
Erlauben Sie mir bitte, auch meine persönlichen Gründe für die Initiative hier preiszugeben. Warum habe ich damals die Motion Föhn 09.3525 unterschrieben, und warum unterstütze ich diese Initiative? Es geht mir in erster Linie um den Schutz der Frauen und um den Schutz des ungeborenen Lebens. Als Medizinstudentin musste ich zwei Wochen in einer medizinischen Einrichtung verbringen, in einer Frauenklinik, wo Abtreibungen gemacht wurden. Ich erspare Ihnen die Bilder dazu und die Einzelheiten. Wissen Sie, viele Frauen denken: Ja, so eine Abtreibung, das ist irgendein Klumpen aus Zellen, der wegmuss. Wir sprechen aber über die zwölf Wochen alte Frucht; sie ist etwa sieben Zentimeter gross und hat schön Platz in einer menschlichen Hand. Sehr viele denken also schon ganz falsch über die Abtreibung.
Keine Rede war davon, was die Ärzte und Schwestern erleben müssen, was sie für Gewissensfragen haben, wenn sie Abtreibungen machen müssen. Darüber haben wir noch gar nicht gesprochen. Meinen Sie, es ist leicht für sie, das zu tun? Für jene im Saal, die meinen, ich spreche aus meiner Erfahrung als Ärztin in der ehemaligen Tschechoslowakei: Nein, ich spreche auch mit Ärzten aus Österreich und Deutschland. Einige sind sogar als christliche Ärzte organisiert und kämpfen auch für ihr Recht, das nicht tun zu müssen. In der Schweiz haben die Ärzte theoretisch eine Möglichkeit, sich zu entscheiden, ob sie eine Abtreibung machen wollen oder nicht. Aber seien wir ehrlich, stellen Sie sich das praktisch vor: Sie führen ein Gespräch, Sie wollen eine Stelle in einem tollen Spital, und dann sagen Sie: "Wissen Sie, ich mache grundsätzlich keine Abtreibungen." Dann sind Ihre Chancen schon ein bisschen gesunken.
Im Laufe des Lebens und in der Praxis habe ich festgestellt, dass es für die Frauen auch sehr viele unangenehme Folgen hat, wenn sie abgetrieben haben. Darüber wird auch nicht gesprochen. Es sind nicht nur Gewissensbisse - diese kann man zum Teil verdrängen -, es sind auch effektive Krankheiten. Wir haben es von den Sprechern der SVP-Fraktion gehört: Es kann zum Suizid führen. Es kann so weit gehen, dass eine Frau sagt: "Ich kann mit dieser schweren Last nicht mehr leben, und ich mache dem ein Ende." Die Folgen sind wirklich massiv.
Es ist vielleicht nicht ganz verkehrt, wenn sich zwei junge Leute vor einer sogenannten heissen Nacht Gedanken machen und sich fragen: "Was machen wir, wenn unsere Verhütungsmittel versagen?" Es ist halt so, dass die Frau die grössere Verantwortung trägt. Dann muss sie sich fragen: "Ja, was machen wir dann, wenn sie versagen?" Die zweite Frage ist: "Will ich überhaupt Kinder mit diesem Mann?" Es gibt da immer Unsicherheiten. Man denkt, das sei so ein Flirt. Aber Vorsicht: Das kann Folgen haben. Man muss sich das vorher überlegen, denn nachher ist es leider zu spät.
Dieser Saal ist voll von Wunschkindern - wie ich von jenen gehört habe, die glauben, ein Wunschkind zu sein. Aber wären wir alle da, wenn unsere Mütter damals nicht den Mut gehabt hätten, uns auszutragen? Ich muss Ihnen sagen: Wenn diese Initiative und wenn die Sensibilisierung für diese Frage etwas bewirkt und sich eine Frau aufgrund dieser Diskussion entschliesst, die Abtreibung nicht vorzunehmen, dann wäre dies für mich Erfolg genug. Ein Menschenleben ist auch etwas wert.
Deshalb bitte ich Sie: Denken Sie noch kurz darüber nach, bevor Sie das Abstimmungsknöpfchen drücken, ob Sie dieser Initiative zustimmen oder ob Sie sie ablehnen. Ich hoffe auf Ihre Unterstützung, und ich hoffe, dass die 30 Prozent der Leute hier im Saal, die damals bei der Abstimmung hin und her gerissen waren, heute auch eine Würdigung dieser Argumente vornehmen.