Heim Bea · Nationalrat · 2012-05-03
Heim Bea · Nationalrat · Solothurn · Sozialdemokratische Fraktion · 2012-05-03
Wortprotokoll
Es vergeht ja eigentlich kein Tag, an dem nicht auf den drohenden Pflegenotstand hingewiesen wird: in der Presse, auf dem politischen Parkett und auch schon lange vonseiten der Institutionen und Berufsverbände. Ich meine, es ist nicht gerade weitsichtig, um nicht zu sagen verantwortungslos, wenn die Schweiz ihr fehlendes Gesundheitspersonal aus Ländern des Südens, des Ostens oder wer weiss woher rekrutiert, um an der Ausbildung der eigenen Leute zu sparen. Die Schweiz muss selber genügend Gesundheitspersonal ausbilden und auch weiterbilden.
Fakt ist, dass das Problem Personalmangel in der Pflege heute zu jedem Spital und zu jedem Heim gehört. Oft muss versucht werden, die Lücken mit weniger qualifiziertem Personal zu schliessen. Damit aber wird die Situation der verbleibenden Pflegefachpersonen zusätzlich verschärft. Tatsache ist, dass in den Pflegeberufen seit Jahren chronische Überbelastung herrscht. Entsprechend hoch sind auch die Ausfallzeiten wegen körperlicher und psychischer Krankheiten. Der wachsende Einsatz auch von Ungelernten in der Alterspflege und -betreuung bringt die verbliebenen Fachkräfte durch die Arbeitsverdichtung und durch das immer höhere Arbeitstempo an ihre Grenzen. Die einen retten sich zum Schutz ihrer Gesundheit in die Teilzeitarbeit, viele verlassen aber ihren geliebten Beruf. Das sind ernstzunehmende Signale.
Man wisse um das Problem, sagt der Bundesrat, und mit dem Masterplan "Bildung Pflegeberufe" und der "Nationalen Strategie Palliative Care 2010-2012" habe man ja die politischen Weichen gestellt. Schön. Nur, mit Plänen auf dem Papier ist noch herzlich wenig erreicht. Vor allem spüren weder die Pflegenden noch die zu Pflegenden in Heimen und Spitälern etwas davon.
Die Pflege als Beruf stellt fachlich und menschlich grosse Anforderungen. Wir sehen bei uns in der Spitex, dass es immer wieder fähige Interessierte in etwas gereifterem Alter gibt, die gern eine pflegerische Ausbildung machen möchten, dies im Rahmen einer Zweitausbildung. Sie können es [PAGE 654] sich aber finanziell einfach nicht leisten, es sei denn, die Politik würde für ihre Zweitausbildung Rahmenbedingungen schaffen, die ihren Lebensunterhalt während der Ausbildung sicherstellen. Es gibt meines Wissens erst einen Kanton, der dies praktiziert, und er praktiziert es mit Erfolg. Die Motion 10.3503 will diese Idee gesamtschweizerisch fördern: Pflege als Zweitausbildung - nicht als Schnellbleiche, sondern als qualifizierende Zweitausbildung.
Die Motion 10.3502 will die Qualifizierung und Stärkung des Pflegepersonals für die palliative Pflege, eine fachlich und menschlich überaus herausfordernde Aufgabe. In der Palliative Care, der, wie der Bundesrat sagt, "umfassenden medizinischen und pflegerischen Behandlung von unheilbar kranken und sterbenden Menschen", haben Pflegende besonders komplexe Situationen zu bewältigen.
Es ist gut, was der Bundesrat im Rahmen seiner "Nationalen Strategie Palliative Care 2010-2012" vorhat: Ein nationales Bildungskonzept soll auf allen Stufen Kompetenzen in palliativer Pflege vermitteln. Palliative Pflege soll als Kompetenzziel in der Aus- und Weiterbildung verankert werden; der Bundesrat will Empfehlungen für die erforderlichen Basiskompetenzen für die palliative Pflege "prüfen", und er will Möglichkeiten zur Finanzierung von Weiterbildungen "untersuchen". Wenn der Bundesrat den Handlungsbedarf erkannt hat, wenn er Wege sucht, um in Richtung dieser Motionen zu handeln, wenn sie seinen Zielsetzungen ja entsprechen - was mich überrascht hat, aber auch freut -, warum nur lehnt er dann die Rückenstärkung aus dem Parlament durch diese beiden Motionen ab?
Ich bitte Sie: Setzen Sie ein positives Zeichen für die Wertschätzung der Pflege, bestärken Sie den Bundesrat auf seinem mit Stolpersteinen gepflasterten Weg zur Stärkung der Pflege und zur Behebung des immer akuter werdenden Mangels an Pflegepersonal! Beschleunigen Sie diesen Prozess, der für die Versorgung unserer Patientinnen und Patienten zentral ist, mit Ihrem Ja zu den Motionen 10.3502 und 10.3503!