Feri Yvonne · Nationalrat · 2013-03-21
Feri Yvonne · Nationalrat · Aargau · Sozialdemokratische Fraktion · 2013-03-21
Wortprotokoll
Denken Sie an ein Fussballlager. Junge Menschen trainieren, sind nahe beieinander, es herrscht ausgelassene Stimmung. Eine knapp 19-jährige und eine 15-jährige Person verlieben sich. Es kommt zu Zärtlichkeiten. Die Eltern der jüngeren Person erheben Anklage.
Eine andere Situation in einem Fussballlager: Eine 25-jährige Person vergreift sich an mehreren jungen Menschen unter 18 Jahren sexuell. Es kommt auch hier zu einer Anzeige.
Der Begriff der Pädophilie beschreibt nach Definition der Weltgesundheitsorganisation eine spezielle Störung der Sexualpräferenz. Pädophile Personen fühlen sich sexuell ausschliesslich zu Kindern vor der Pubertät hingezogen. Sie reagieren sexuell auf Kinder, haben sexuelle Fantasien von ihnen und wünschen sich sozialen Umgang und körperliche Nähe mit ihnen. Experten schätzen, dass rund 1 Prozent der männlichen Bevölkerung pädophil ist. Bei Frauen ist Pädophilie ausgesprochen selten. Warum das so ist, ist noch unbekannt.
Viele Pädophile können sehr gut mit Kindern umgehen, sie finden leicht Arbeit als Lehrer, Erzieher oder Trainer. Diese Konstellation ist gefährlich, auch wenn die Pädophilen den Beruf nicht unbedingt mit der geheimen Absicht ergreifen, problemlos zu Kindern Kontakt aufnehmen zu können. Andere halten sich, so gut es geht, bewusst von Kindern fern, um ihren sexuellen Impulsen zu entgehen. Pädophilie und sexueller Missbrauch von Kindern sind nicht dasselbe. Pädophilie beschreibt eine innere sexuelle Ausrichtung, während die sexuellen Handlungen an, vor und mit Kindern auch als Pädosexualität bezeichnet werden. Nicht jeder Mensch, der sich an einem Kind vergreift, ist somit pädophil. So haben internationale Untersuchungen verurteilter Kinderschänder gezeigt, dass nur rund die Hälfte von ihnen tatsächlich sexuell auf Kinder fixiert war. Diese nichtpädophilen Täter missbrauchen Kinder als Ersatzobjekte, weil sie verfügbarer, wehrloser und leichter einzuschüchtern und zu manipulieren sind. Eine schwere Kost, diese Definition, doch sie ist wichtig, um die Initiative beurteilen zu können.
In meinem ersten Beispiel trifft die Definition eines Pädophilen nicht zu. Das Paar tauschte mit beidseitiger Einwilligung Zärtlichkeiten aus. Dass die Eltern der jüngeren Person Anzeige erhoben haben, kann ich aus Elternsicht sehr gut nachvollziehen. Doch Liebe zwischen zwei Menschen kennt keine Altersgrenzen. Und genau deshalb stelle ich die Frage: Soll nun die ältere Person ein Leben lang dafür büssen, dass sie Gefühle entwickelt hat? Liebe Kolleginnen und Kollegen, das wäre doch wirklich nicht verhältnismässig. Die Person hat aus ihrer Sicht - und auch aus Sicht der jüngeren Person - nichts Falsches getan. Deshalb soll dem Gericht die Möglichkeit gegeben werden, einen Spielraum zu nutzen und die einzelnen Fälle auch als solche zu beurteilen.
Mein zweites Beispiel jedoch trifft genau die Definition einer pädophilen Person. Deshalb ist es sehr wichtig, dass diese angezeigt wird und ein Strafmass erhält, welches die Schwere des Deliktes reflektiert. In solchen Fällen ist es angemessen, dass ein Berufsverbot ausgesprochen wird. Jedoch muss auch hier bedacht werden, dass die Gerichte individuelle Strafmasse aussprechen können. Für die Opfer ist es wichtig, dass sie eine Genugtuung erhalten, auch wenn das Geschehene nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Dies ist mit dem Gegenvorschlag bestens gewährleistet.
Schlussendlich möchte ich darauf hinweisen, dass einerseits der Opferschutz ein wichtiger Aspekt ist, aber auch die Prävention, damit möglichst viele Fälle von sexuellen Übergriffen - egal in welchem Alter, egal welcher Art - verhindert werden können. Den Opfern müssen Therapiemöglichkeiten angeboten werden. Einschneidende Erlebnisse wie solche müssen professionell verarbeitet werden, damit die Zukunft der betroffenen Personen nicht von einem dunklen Schatten begleitet wird und das Leben lebenswert bleibt. Die Prävention bezüglich sexueller Übergriffe muss verstärkt werden. Dazu braucht es, dem Alter angepasst, Aufklärungsarbeit für alle Kinder, Reflexionen über Rollenbilder der Geschlechter in allen Altersstufen sowie die Umsetzung der geforderten Gleichstellung der Geschlechter.
Wir werden damit nicht alle Übergriffe verhindern können, aber wir benötigen ein klares Zeichen. Deshalb bitte ich Sie, dem Gegenvorschlag zuzustimmen.