preparatory:AB 155168
Teuscher Franziska · Nationalrat · Bern · Grüne Fraktion · 2004-09-22
Wortprotokoll
Sie können sich sicher alle noch an die Debatte rund um das Bankgeheimnis erinnern. Dort habe ich den Satz aufgeschnappt, wir seien bald gleich weit wie das Fürstentum Monte Carlo. Wenn dort nicht gerade Autorennen stattfinden, dann ist Monte Carlo eine einzige Wechselstube und ein Briefkastenparadies für Ausländer mit viel Geld. Das habe ich damals als Witz empfunden. Aber seit die Mehrheit der Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen in der Schweiz wieder Formel-1-Rennen erlauben will, muss ich annehmen, dass gewisse Parlamentarier tatsächlich aus der Schweiz einen Operettenstaat wie Monte Carlo machen wollen. Mit dem Bankgeheimnis machen wir uns überall unbeliebt. Jetzt wollen wir mit Rundstreckenrennen unsere treuen Feriengäste auch vertreiben.
Im Namen der Kommissionsminderheit beantrage ich Ihnen, der parlamentarischen Initiative keine Folge zu geben. Gibt es denn wirklich keine gescheiteren Alternativen, als Formel-1-Rennen in einem Land zu organisieren, in dem in jeder Sekunde ein Quadratmeter Land unter Beton verschwindet? Glauben Sie wirklich, dass im Wallis, im Jura, im Tessin oder im Fricktal jemand eine solche Rundstrecke vor seiner Haustür haben möchte? Meine Herren Vorredner, Sie denken doch nicht im Ernst, dass ein buntes Fahrzeug, welches mit einem Höllengetöse vorbeiflitzt, ein ernst zu nehmendes Wirtschaftsprogramm darstellt? Hier geht es doch um nichts anderes als um einen massenweise [PAGE 1353] aufgezogenen Kult der Raserei und in manchen Fällen um ein sensationelles, frivoles Spiel mit dem Tod und seine kommerzielle Ausbeutung.
Die Formel-1-Rennen sind der "Circus Maximus" der Neuzeit. Ich bezweifle, dass eine Randregion mit einer Formel-1-Rundstrecke einen wirtschaftlichen Aufschwung erleben würde. Der Schweizer Tourismus lebt von der Schönheit seiner Landschaft und nicht von lärmenden und stinkenden Benzinmotoren, und die Industrie lebt vom Know-how und nicht von Rundstrecken.
Selbstverständlich sind Formel-1-Boliden Hightech-Maschinen. Aber wenn unsere Universitäten und unsere Forschungsanstalten in diesem Bereich heute nicht die Nase vorn haben, dann werden sie auch nach dem Bau einer Rundstrecke nicht so weit sein. Wir müssen nicht Formel-1-Anlagen bauen, sondern wir müssen Ingenieure ausbilden. Das Geld investieren wir besser in nachhaltige Projekte. Eine Formel-1-Anlage, die kilometerweit Lärm und Luftverschmutzung verursacht, die zusätzlichen Verkehr mit sich bringt, passt nicht zu unseren raumplanerischen Zielen. Wir wollen hochwertige Wohngebiete, wir wollen Naherholungsgebiete, und wir wollen ein attraktives Tourismusland sein.
Über giftige Abgase der Spezialtreibstoffe, über Reifenabrieb, über Lärm haben die Formel-1-Fans in diesem Parlament offenbar bisher noch nicht nachgedacht. Man war wohl zu sehr mit den möglichen Investoren und mit dem Zählen der Einnahmen beschäftigt. Ist die Formel-1-Strecke einmal gebaut, dann muss sie auch ausgelastet werden, und das heisst: noch mehr Autorennen, noch mehr Lärm, noch mehr Gestank und noch mehr Abgase. Hinzu kommen die horrenden Kosten, die Herr Giezendanner teilweise den Gemeinden und Kantonen aufbürden will. Wenn eine Strecke einmal steht, dann müssen noch weitere Millionen in den Unterhalt der Piste investiert werden. Die Strecke würde sich schnell verschulden. Da müsste dann der Staat intervenieren und die finanziellen Lücken schliessen - die Swiss lässt grüssen.
Playstation bietet seit zwei Jahren das ultimative Formel-1-Rennen als Spiel an. Mitsamt der Station kostet dieses Spiel ein paar Hundert Franken. Bei 300 Stundenkilometern saust die Strecke virtuell vorbei, und man hat tatsächlich das Gefühl, man sei mit dieser Geschwindigkeit unterwegs. Ich schlage Ihnen vor, dass sich die Formel-1-Fans im Parlament so ein Ding "posten". Die Wirkung ist fast wie im richtigen Leben. Wer damit nicht genug hat, kann die Rennen weiterhin am Fernsehen anschauen oder nach Hockenheim und Monza reisen. Beide Orte sind ganz nahe an der Schweizer Grenze.
Dank Playstation haben wir heute wirklich eine echte, kostengünstige und umweltverträgliche Alternative zur parlamentarischen Initiative Giezendanner. Die Kommissionsminderheit empfiehlt Ihnen, dieses Angebot von Playstation zu nutzen und der parlamentarischen Initiative Giezendanner nicht den Vorzug zu geben.