Schenker Silvia · Nationalrat · 2014-06-12
Schenker Silvia · Nationalrat · Basel-Stadt · Sozialdemokratische Fraktion · 2014-06-12
Wortprotokoll
Viele von uns, davon bin ich überzeugt, sind darauf angewiesen, dass es Frauen und Männer gibt, die ihnen im Haushalt Arbeiten abnehmen oder Angehörige betreuen und pflegen. Vielleicht ist es bei den einen oder anderen so, dass nur dank Hausangestellten ein politisches Engagement überhaupt möglich ist. Die Arbeitswelt ist in einem hohen Mass auf die Arbeit von Hausangestellten angewiesen. Wie viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer können das hohe Leistungsniveau, welches am Arbeitsplatz notwendig ist, nur erfüllen, weil zu Hause jemand die Kinder betreut und den Haushalt pflegt?
Wenn wir hier in diesem Saal ausnahmsweise einmal über die Hausangestellten sprechen, denken Sie bitte ganz konkret an jene Personen, die für Sie solche Arbeiten erledigen. Wir können diesen Frauen und Männern sicher Wertschätzung und Anerkennung entgegenbringen. Wir können aber auch noch mehr tun: Wir können und müssen sie anständig entlöhnen und auch sonst für gute Arbeitsbedingungen sorgen. Ich bin überzeugt, dass Sie und ich dies tun - auch ohne die Konvention, über die wir jetzt sprechen. Aber es gibt auch andere: Es gibt Arbeitgeber, die ihre Hausangestellten schlecht entlöhnen; es gibt Arbeitgeber, die sie übermässig belasten. Es gibt Arbeitgeber, die ihre Hausangestellten schlagen und/oder sexuell missbrauchen. Vor dieser Tatsache dürfen wir die Augen nicht verschliessen.
Ich werde nie den Blick in den Augen eines blutjungen Mädchens vergessen, das ich in Mali getroffen habe. Das Mädchen war vom Arbeitgeber mehrfach vergewaltigt worden. Es wurde schwanger. Kurz vor der Niederkunft stellte der Arbeitgeber das Mädchen auf die Strasse. Eine Rückkehr nach Hause war ausgeschlossen. Zu gross war die Schande für das Mädchen und seine Familie. Als ich es traf, war sein Kind ein paar Tage alt. Zwei Leben ohne jede Hoffnung, ohne jede Perspektive; das ist erschütternd.
Die ILO-Konvention will Mädchen wie diesem helfen. Die Konvention soll in den Ländern, welche die Konvention ratifizieren, den Blick auf die Arbeitsbedingungen von [PAGE 997] Hausangestellten richten. Nun wird die Ratifikation bestritten; die Argumente haben Sie gehört.
Fakt ist: Die Schweiz wird keine gesetzgeberischen Anpassungen machen müssen. Das wurde in der Kommission mehrfach ausgeführt. Wenn wir die ILO-Konvention ratifizieren, dann ist das ein Akt der Solidarität. Wir wollen und können damit zeigen, dass uns die Hausangestellten nicht egal sind. Wir können damit zeigen, dass wir nicht nur von den Arbeitsleistungen und der Unterstützung dieser Männer und Frauen profitieren wollen, sondern uns auch Gedanken machen, wie ihre Arbeitsbedingungen sind.
Ich bitte Sie, der Ratifikation der ILO-Konvention zuzustimmen. Das malische Mädchen, von dem ich berichtet habe, wird nicht unmittelbar davon profitieren. Aber nur wenn das Thema auf den Tisch und ins öffentliche Bewusstsein kommt, werden vielleicht irgendwann auch in Mali die Behörden und die Politik aktiv werden.