Aebischer Matthias · Nationalrat · 2014-06-12
Aebischer Matthias · Nationalrat · Bern · Sozialdemokratische Fraktion · 2014-06-12
Wortprotokoll
Die vorliegende Motion über die Titel in der höheren Berufsbildung hat in den letzten paar Monaten auf der politischen Ebene, in der Berufsbildung und auch in den Medien stark zu reden gegeben. Eigentlich ist diese Aufmerksamkeit etwas übertrieben, denn die Motion will weder einen grundlegenden Systemwechsel, noch stellt sie das duale Bildungssystem infrage, und kosten tut sie auch nichts. Das Einzige, was ich mit meiner Motion will, ist, dass die top ausgebildeten Schweizer Berufsleute gleich lange Spiesse haben wie die oft schlechter ausgebildeten Berufsfachleute im Ausland. Dies zu erreichen ist - wie in der Motion vorgeschlagen - mit einem englischen Zusatz einfach, und dies nicht einmal im Hauptdiplom, sondern im sogenannten Diploma Supplement, einem Zeugnisanhang, der eben genauer erklärt, wie das Diplom einzustufen ist.
Warum ist dies unbedingt nötig? Oder noch besser ist die Frage: Warum gibt es das nicht schon lange? Eine Bäckerin aus Italien zum Beispiel schliesst heute ihre Berufsausbildung mit einem Bachelor ab. Eine Bekannte von mir, eine alte Bäckerin auf der Isola d'Elba, hat für den Bäcker-Bachelor nicht viel übrig. Die meisten frischgebackenen Berufsleute hätten zwar viel Theorie im Kopf, aber so richtig zu gebrauchen in der Backstube seien sie noch nicht, sagt sie. Aber eben, ohne Bachelor gehe heute in Italien gar nichts mehr. Werde eine Bäckerstelle ausgeschrieben, dann werde ein Bäcker mit Bachelor-Abschluss gesucht. Für die top ausgebildeten Bäcker aus der Schweiz - da kann einer auch eine Meisterprüfung haben - ist es sozusagen unmöglich, jemals in Italien oder auch in anderen europäischen Ländern eine Bäckerstelle zu erhalten.
Den weltbesten Bäckern, Schreinerinnen, Metzgern oder Technikerinnen aus der Schweiz fehlt der passende Titel, und genau das will ich mit meiner Motion ändern. Im Zusatzdiplom soll notiert werden, dass unsere Schweizer Berufsbildung mindestens so gut ist wie ein Bachelor in den umliegenden Ländern. Noch mehr Pech haben Berufsbildungsleute im eigenen Land, wenn der Personalchef der grossen Firma aus dem Ausland kommt und unser Bildungssystem und unsere Titel nicht richtig im Griff hat. Da wird gerne einmal eine Stelle für einen Techniker ausgeschrieben und ein Bachelor vorausgesetzt - unsere super ausgebildete, diplomierte Technikerin HF bleibt auf der Strecke. Der Schweizer wird so wegen fehlendem Titel sogar in der Schweiz selbst nicht angestellt. Das darf nicht sein und muss geändert werden. Der Diplomzusatz "Professional Bachelor" ist, wie gesagt, keine Systemänderung. Die bisherigen Titel bleiben erhalten, es entstehen keine Mehrkosten, und explizit habe ich in meiner Motion auch erwähnt, dass ich keine Durchmischung der Tertiärstufen A und B will.
Sehr geehrter Herr Bundesrat Johann Schneider-Ammann, Sie haben das Jahr 2014 zum "Jahr der Berufsbildung" erklärt. Das ist zwar schön, aber lassen Sie doch bitte den oberflächlichen Streicheleinheiten auch Taten folgen, welche die Berufsbildung weiterbringen. Die Schweizer Berufsfachleute werden es Ihnen danken.