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Lohr Christian · Nationalrat · 2015-03-04

Lohr Christian · Nationalrat · Thurgau · Fraktion CVP-EVP · 2015-03-04

Wortprotokoll

Die Initiative, die wir jetzt hier behandeln, wirft das fragwürdige Bild auf, dass unsere Kinder gefährdet sind, weil sie im Kindergarten und in der Primarschule mit Themen konfrontiert werden, die nicht altersgerecht sein sollen. Mit Verlaub, das ist pädagogisch, ideologisch und auch sozialpolitisch ein Unsinn. Für mich ist das ganz klar der falsche Ansatz. Kinder und Jugendliche kommen im Alltag massenhaft mit Sexualisierung in Kontakt. Werbeplakate, Zeitungsinserate, Fernsehen und Internet vermitteln Bilder, die tatsächlich nicht jugendfrei sind. Ist dann das etwa normal?

Ich will Kinder und Jugendliche schützen und ihnen wirklich Werte im Zusammenleben der Geschlechter vermitteln. Es ist wichtig, dass Kinder, dass Jugendliche wissen, was sie tun, wie sie es tun und was sie vor allem nicht tun sollen. Mit dieser Einstellung kann ich sie auch in ihrer Integrität stärken. Dies gilt besonders auch für schwächere Schülerinnen und Schüler. Aber auch das Wissen um wichtige Sachverhalte darf ganz sicher nicht fehlen. Nur so können sich Kinder und Jugendliche vor Missbrauch schützen. Ich bin der Meinung, Prävention beginnt im Kindergarten. Diese muss aber - und das möchte ich ausdrücklich betonen - immer in Zusammenarbeit mit den Eltern und vor allem altersgerecht erfolgen.

Lassen Sie mich noch den Begriff der Eltern aufnehmen: Seien wir nicht naiv, schauen wir uns die Gesellschaft 2015 an, schauen wir uns die Familienverhältnisse an, wenn wir heute von Eltern sprechen. Ich möchte wirklich, dass die Kinder einen guten Schutz erhalten. Aber ich möchte Ihnen ein Beispiel nennen, das auch die Fragwürdigkeit aufzeigt: Ein Kind stellt im Kindergarten die Frage, wie denn die Babys entstehen. Soll nun die Antwort der Kindergärtnerin bzw. des Kindergärtners lauten: "Entschuldigung, ich darf es dir nicht sagen, dafür bist du noch zu klein"? Prävention und stufengerechte, entwicklungsgerechte Sexualkunde können nicht getrennt werden. Für mich ist klar: Grundlegende Kenntnisse zur gesundheitlichen und sexuellen Prävention müssen am Ende der Primarstufe vermittelt werden. Es geht hier eben ganz klar auch um Schutz vor sexuellem Missbrauch, um Schutz vor Ansteckung mit HIV und um Schutz vor anderen sexuell übertragbaren Infektionskrankheiten.

Um ungewollten Schwangerschaften vorzubeugen, ist Sexualunterricht zwingend. Das Bild des Storches, das den Eltern das Baby bringt, hat wahrlich ausgedient. Ein Verbot des Sexualkundeunterrichts ist, das möchte ich betonen, unverantwortlich und ganz sicher nicht im Sinne des Kinderschutzes.

Noch ein Punkt: Wie ist es mit der angesprochenen Freiwilligkeit? Ein Beispiel: Nehmen wir einmal an, Herr Keller entscheidet, dass sein Sohn nicht am Sexualkundeunterricht teilnimmt. Er fragt seinen Sohn aber nicht nach seiner Meinung. Was Herr Keller nicht weiss: Sein Sohn schaut mit seinen Mitschülern auf deren Handys regelmässig Pornofilme an. Das wirft bei mir Fragen auf.

Ich sehe auch nicht ein, weshalb externe Fachpersonen keinen Sexualkundeunterricht erteilen dürfen sollen. Was befürchten die Initiantinnen und Initianten denn eigentlich? Geht es ihnen wirklich um den Schutz unserer Kinder? Wenn unsere Kinder und Jugendlichen nicht aufgeklärt werden, verstehen sie nicht, sich richtig zu wehren. Letztlich, das ist meine Sorge, würde die Initiative also eher die Täter schützen.