Galladé Chantal · Nationalrat · 2015-03-04
Galladé Chantal · Nationalrat · Zürich · Sozialdemokratische Fraktion · 2015-03-04
Wortprotokoll
Ich habe heute einiges gelernt und einiges nicht verstanden. Es fiel immer wieder der Begriff "obligatorische Frühsexualisierung". Was dieser genau mit dem Aufklärungsunterricht zu tun hat, ist mir dann doch nicht ganz klargeworden. Mir ist auch nicht klargeworden, wie man die Kurve schafft bei dem, was Frau Herzog gesagt hat, wonach die Kinder im Sexualkundeunterricht so sehr traumatisiert werden, dass sie psychische Störungen haben und dass dann im Gesundheitswesen die Kosten, also die Sozialhilfe- oder ähnliche Kosten, ansteigen. Das waren etwas viele Schritte auf einmal, und das ist meines Erachtens eine ziemlich gewagte, abenteuerliche Argumentation. Ich kann aber Frau Herzog beruhigen, wenn sie sich gesorgt hat, dass ich schon lange nicht mehr in einem Schulzimmer gewesen sei: Als Lehrerin und als Mutter einer schulpflichtigen Tochter sind mir Schulzimmer nicht ganz unbekannt.
Ich möchte vielleicht noch erklären, warum es auch in einer Jahrgangsklasse mehrere Jahrgänge gibt. Das ist nicht nur dann der Fall, wenn man ein Mehrjahrgangssystem hat. Auch in einer Jahrgangsklasse gibt es mindestens drei Jahrgänge, weil es ja immer wieder Schülerinnen und Schüler gibt, die wiederholen oder die eine Klasse überspringen. So gibt es in einer Klasse dann mehrere Jahrgänge, und das macht die Umsetzung dieser Initiative, die Umsetzung im Schulzimmer dann auch so schwierig. Zur Frage, wie die Umsetzung erfolgen soll, haben wir schon in der Kommission einfach keine Antworten erhalten.
Die Dispensation vom obligatorischen Unterricht soll nicht möglich sein, darin war sich die Kommissionsmehrheit einig. Von Mathematik oder Deutsch können Sie sich ja auch nicht einfach dispensieren lassen. Vom Schwimmunterricht kann man sich auch nicht dispensieren lassen - und dort haben Sie sogar dafür gekämpft, dass man sich nicht dispensieren lassen kann. Das ist auch richtig so, denn Kinder lernen schwimmen, damit sie nicht ertrinken. Kinder werden aufgeklärt, weil aufgeklärte Kinder besser vor sexuellem Missbrauch geschützt sind, weil aufgeklärte Kinder weniger Teenagerschwangerschaften haben, weil aufgeklärte Kinder weniger sexuell übertragbare Krankheiten bekommen oder mindestens wissen, wie man sich davor schützt. Vergessen wir nicht, dass in letzter Zeit der Anteil an Jugendlichen, die glauben, Aids sei heilbar, doch wieder angestiegen ist. Es wäre also verkehrt zu denken, dass die Kinder und Jugendlichen deshalb, weil im Internet und überall über Sexualität gesprochen wird, automatisch besser aufgeklärt seien.
Vielleicht noch zu dem, was auch in der Initiative steht: Die Befürworter haben immer wieder gesagt, dass die Aufklärung Sache der Eltern sei. Es sei wichtig, dass die Eltern das machen. Herr Bortoluzzi, ich will Ihnen nicht zu nahe treten. Als Sie das Argument der Aufklärung durch die Eltern gebracht haben, habe ich mir gedacht: Es ist vielleicht gut, wenn die Kinder nicht nur von den Eltern aufgeklärt werden, weil sie sonst nachher denken, dass Homosexualität etwas mit Hirnlappen zu tun hat.
Zusammenfassend kann man sagen: Ein Land, dessen Parlament sich einen Nachmittag lang über Plüschvaginen aufregen kann, ist ein glückliches Land.