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Fehr Jacqueline · Nationalrat · 2013-03-19

Fehr Jacqueline · Nationalrat · Zürich · Sozialdemokratische Fraktion · 2013-03-19

Wortprotokoll

Mit dieser parlamentarischen Initiative fordere ich, dass die Kantone ein drittes Kindergartenjahr anbieten. Der Besuch dieses zusätzlichen Jahres soll für die Kinder freiwillig und für die Eltern kostenlos sein. Die Kantone sollen dabei frei sein, entweder heutige Spielgruppen besser zu unterstützen, damit diese ein solches Vorkindergartenjahr anbieten können, oder das zusätzliche Jahr in den bisherigen Kindergarten zu integrieren.

Die allermeisten Kinder besuchen im Jahr vor dem Kindergarteneintritt eine Spielgruppe. Die Spielgruppen leisten damit einen wichtigen Beitrag für die Entwicklung der Kinder. Kinder, das wissen wir, spielen halt am liebsten mit anderen Kindern; sie tun das wesentlich lieber, als vor dem Fernseher zu sitzen. Sie lernen von den anderen Kindern auch am meisten.

Damit sich Kinder jedoch an einem Ort wohlfühlen, müssen sie sich orientieren können. Sie müssen Beziehungen zu den Erwachsenen und zu den Kindern, mit denen sie ihre Zeit verbringen, aufbauen können. Es ist deshalb wichtig, dass Kinder regelmässig und über eine bestimmte Mindestdauer in eine Spielgruppe oder in eine Kindertagesstätte gehen können. Zwei Stunden pro Woche sind hier aus Sicht der Kinder zu wenig. Eine Woche Unterbruch zwischen den jeweiligen Spielgruppentagen ist im Leben eines Kindes eine sehr lange Zeit. Sechs Tage Unterbruch sind für ein Kleinkind gleich lang wie einige Monate im Erwachsenenalter.

Wollen Spielgruppen dem Bedürfnis der Kinder Rechnung tragen und ihre Öffnungszeiten ausweiten, scheitern sie dabei in der Regel an finanziellen Engpässen. Spielgruppen stehen nämlich finanziell auf wackligen Beinen und leben oft nur, weil viele Frauen Freiwilligenarbeit leisten. Die Kindertagesstätten hingegen, die eine zeitlich umfassende Betreuung bieten, sind gerade für mittelständische Familien und für Familien mit tiefen Einkommen sehr teuer, weil sich die öffentliche Hand nur in sehr geringem Ausmass engagiert.

In der Schweiz wendet die öffentliche Hand 0,2 Prozent des Bruttoinlandproduktes für den Vorschulbereich auf, in Schweden, am anderen Ende der Skala, sind es 4 Prozent. Die OECD empfiehlt mindestens 1 Prozent. Dieses geringe Engagement der öffentlichen Hand in der Schweiz hat Folgen. Es führt dazu, dass Kindertagesstätten zunehmend von Kindern besucht werden, deren Eltern über ein hohes Bildungsbewusstsein und genügend finanzielle Mittel verfügen; dies zeigt eine Analyse der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung aus dem Jahre 2008. Spielgruppen, die für die Eltern günstiger wären, können eben kein umfassendes [PAGE 384] Angebot anbieten, weil auch ihnen die finanziellen Möglichkeiten fehlen.

Eine solche Entwicklung ist aus Sicht der Chancengleichheit fatal. In einer wirklich liberalen Gesellschaft darf nicht ausschliesslich und in erster Linie das Glück der Geburt über die Lebenschancen entscheiden. Es ist deshalb anzustreben, dass alle Kinder Zugang zu Spielgruppen mit umfassendem Angebot oder zu Kindertagesstätten haben. Das sind wir unseren Kindern schuldig, und gerade für Kinder aus Familien, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, können solche Angebote für das weitere Leben matchentscheidend sein.

Die Stärkung der Chancengleichheit ist im Interesse von uns allen, und diese parlamentarische Initiative kann dazu einen Beitrag leisten. Das Abstimmungsresultat in der Kommission mit 12 zu 11 Stimmen ist denn auch Ausdruck davon. Die Minderheit hat es leider verpasst, einen entsprechenden Antrag zu stellen. Die Initiative fordert in einer sehr offenen Formulierung dieses freiwillige dritte Kindergartenjahr. Die Kantone wären verpflichtet, es in irgendeiner Form anzubieten, sei es als ausgebaute Spielgruppe, sei es in Kooperation mit den Kindertagesstätten oder sei es im bisherigen Kindergartensystem. Man lässt also den Kantonen sehr viel Spielraum für die Umsetzung. Das Einzige, was fix ist: Alle müssten es anbieten, der Besuch wäre freiwillig, und der Besuch wäre kostenlos.

Ich bitte Sie, der parlamentarischen Initiative in dieser ersten Phase Folge zu geben.