Egerszegi-Obrist Christine · Ständerat · 2015-06-01
Egerszegi-Obrist Christine · Ständerat · Aargau · FDP-Liberale Fraktion · 2015-06-01
Wortprotokoll
Ich bitte Sie, diese Initiative abzulehnen. Sie hält fest, dass ein spezieller Unterricht zur Prävention von Missbrauch ab dem Kindergarten vermittelt werden kann, dass freiwilliger Sexualkundeunterricht ab dem neunten Altersjahr erteilt werden kann, dass ab dem zwölften Altersjahr der Biologielehrer Wissen über die menschliche Fortpflanzung weitergeben kann, aber um Himmels willen ja nicht mehr!
Ich gehe zwar mit den Initianten einig, dass Sexualerziehung primär Sache der Eltern ist. Aber es ist auch Sache der Schule. Es ist Teil des Wissens, das im Unterricht vermittelt wird. Nach der Initiative kann Wissen weitergegeben werden, kann über Missbrauch gesprochen werden, kann biologisch einwandfrei über Fortpflanzung gesprochen werden. Aber ich finde es wichtig, dass die Kinder aufbauend auf dem, was ihnen die Eltern mitgeben, wissen, was Missbrauch ist. Sie sollten lernen, über Sexualität zu sprechen, sie sollten wissen, wo sie Nein sagen dürfen und sollten, und sie müssen auch wissen, wie Jugendschwangerschaften verhindert werden können. Man will mit der Initiative, dass nur im Biologieunterricht davon gesprochen wird.
Ja, so bin ich vor fünfzig Jahren aufgewachsen. Wenn am Familientisch irgendein sexuelles Thema in der Luft war, eingebracht von meinem älteren Bruder, sagte meine Mutter schnell mit Blick auf mich, die kleine Schwester: "Halt! Die Stube ist nicht gewischt." Später versuchte sie es tatsächlich biologisch mit den Bienen. Mein älterer Bruder fand, ich brauche andere Methoden, und schenkte mir ein "Bravo"-Abonnement. In dieser damals ziemlich fortschrittlichen Zeitschrift fand ich die unglaublich kecke Frage, ob man allein vom Küssen schon schwanger werde. Heute leben wir buchstäblich in einem anderen Jahrhundert. Nacktbilder werden von Handy zu Handy geschickt. Die "Blick"-Schlagzeilen heute, Sie können es nachlesen: "Schelte für Chef der Porno-Beamten." Und: "Frage an die Sexpertin: Wie lange kann man eine Sexpause aushalten?"
Das ist einfach so öffentlich, und da sage ich, ich finde das weder gut noch schlecht, es ist einfach Realität. Die Sachen offen zu benennen schützt auch die Kinder. Heute ist es nicht einfach der fremde Mann, von dem man keine Süssigkeiten annehmen soll. Es gibt viel mehr Kriminelle, die sich über das Internet an die Kinder heranmachen, die diese zum Sichauskleiden und -fotografieren animieren. Dann stellen sie diese Fotos ins Netz oder verkaufen sie. Sie können auch als Gleichaltrige auftreten und Kinder zu gefährlichen Treffen auffordern.
Die heutige Zeit braucht Kinder und Jugendliche, die wissen, dass Sexualität nicht nur unter der Bettdecke stattfindet und dass man offen darüber reden kann. Deshalb: Sagen wir Nein zur Initiative! Wenn Peter Föhn meint, so vieles habe sich seither dank der Initiative zum Besseren gewendet, es seien Probleme - die übrigens nie welche waren! - überwunden worden, empfehle ich den Initianten, die Initiative zurückzuziehen.