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Bischofberger Ivo · Ständerat · 2015-03-17

Bischofberger Ivo · Ständerat · Appenzell I.-Rh. · Fraktion CVP-EVP · 2015-03-17

Wortprotokoll

Ich möchte Hans Stöckli und auch dem Bundesrat ganz herzlich für die Ausführungen im Zusammenhang mit der Interpellation danken, denn ich finde es eminent wichtig, dass wir uns auch in diesem Saal einige grundsätzliche Gedanken zur Erinnerungskultur machen.

Der Volksmund lehrt uns ja: "Wer nicht weiss, woher er kommt, weiss nicht, wohin er geht, weil er nicht weiss, wo er steht." Diese Weisheit, diese Mahnung begleitet uns an kaum einem Ort mehr als hier im Bundeshaus. Jeden Tag, wenn wir in dieses Gebäude eintreten, empfangen uns beim Eingangsportal die beiden Bronzefiguren von Maurice Reymond: Links in der Nische haben wir den lesenden Greis, metaphorisch für den Geschichtsschreiber der Vergangenheit; rechts in der Nische haben wir einen schreibenden jungen Mann, metaphorisch für den Geschichtsschreiber der Gegenwart. Diese beiden zwar stummen Figuren ermahnen uns tagtäglich, die Geschichte des Landes, die historischen Ereignisse, die daraus resultierenden alten Verträge, die Rechte und Gesetze zu kennen und zu beachten sowie uns bewusstzumachen, dass alles, was in diesem Haus festgelegt wird, bald Teil der Geschichte unseres Landes sein wird.

Diese Mahnung finden wir auch hier im Saal, wenn wir uns die Ereignisse, die hinter den goldenen Zahlen oben an den Saalwänden stehen, in Erinnerung rufen. Das beginnt 1291 mit dem ältesten erhaltenen Bundesbrief, geht über zum Pfaffenbrief, zum Sempacherbrief, zum Stanser Verkommnis, zur Mediationsakte 1815, zum Wiener Kongress mit dem Bundesvertrag der Restauration, zur ersten Bundesverfassung 1848, zur ersten Totalrevision und zur zweiten Totalrevision. Das leere Feld unter der Uhr wird sicher irgendwann auch mit einer Jahreszahl ausgefüllt werden. Wenn wir diese Schritte der Verfassungsgeschichte unseres Landes anschauen, dann sehen wir, dass das der Inbegriff der bekannten "stabilitas in progressu" ist, also der Beständigkeit eines bewussten Voranschreitens - auch im Wissen, dass hinter all dem Leistungen stehen, hinter alldem Menschen stehen, die etwas erarbeitet haben, die sicher auch Fehler gemacht haben.

In diesem Sinne tun wir wohl gut daran, wenn wir uns in diesem Jubiläumsjahr der Ereignisse bewusst und auch mit Respekt erinnern, dies aber sicher weder verklärend noch destruktiv. Vielmehr sollten wir die Ereignisse immer im Rahmen der damals jeweils herrschenden Zeitumstände beurteilen und nicht mit der bequemen Mentalität von heute aus einem gewissen Zeitabstand, aus Distanz, vielfach aus einer sicheren, sehr oft auch besserwisserischen Distanz, einfach kritisieren. Dabei schadet es vielleicht nicht, wenn wir uns der antiken Weisheit erinnern: Einfach ist es, einen Lorbeerkranz zu winden, schwierig aber ist es, ein ehrenvolles Haupt zu finden.