Widmer Hans · Nationalrat · 2002-03-13
Widmer Hans · Nationalrat · Luzern · Sozialdemokratische Fraktion · 2002-03-13
Wortprotokoll
Es bleibt mir im Anschluss an die Interpellation eine Frage, und es bleiben mir zwei Bemerkungen zu zwei Problemkreisen.
Die Frage betraf damals das Eurobac, gewissermassen die europäische Berufsmaturität, wo der Wegfall des Faches Geschichte zur Diskussion stand. Seit der Antwort des Bundesrates ist fast ein Jahr vergangen, und deswegen frage ich: Was ist seither bezüglich des Faches Geschichte beim Eurobac geschehen? Hat die Schweiz etwas unternommen, damit dieses Fach im Eurobac erhalten bleibt?
Zu den zwei Problemkreisen: Der erste Problemkreis betrifft die Allgemeinbildung in der Berufsbildung. Es geht dabei konkret darum, dass bei der Buchhändlerausbildung die Stundenzahlen der berufsbildenden Fächer auf Kosten der allgemein bildenden Fächer, insbesondere des Faches Wissenschaftskunde, erhöht worden sind. Der Bundesrat erklärt, diese Reduktion sei nach den üblichen Vernehmlassungen erfolgt, das geringere Gewicht der Allgemeinbildung entspringe nicht den Absichten des Bundesamtes für Berufsbildung und Technologie (BBT). Aber die Vorschriften dazu hat ja tatsächlich das BBT erlassen. Die Verantwortung trägt also das BBT, gleichgültig, welche Ratschläge es in der Vernehmlassung erhalten hat. Es ist natürlich klar, dass der Druck der Praktiker immer mehr darauf abzielt, die rein praktischen Fächer zu pflegen und die allgemein bildenden eben auf der Seite zu lassen. Für die langfristigen Berufschancen aber dürfte die Allgemeinbildung, wie der Bundesrat ja selber sagt, wegen der raschen gesellschaftlichen und technologischen Entwicklung eine sehr wichtige Rolle spielen.
Ich frage den Bundesrat daher: Müsste sich das BBT nicht bewusst zum Anwalt der langfristigen Berufschancen und damit auch der Allgemeinbildung machen?
Der zweite Problemkreis betrifft die Berufsschulen und die Berufsschullehrerinnen und -lehrer. Aus privaten Gesprächen mit verschiedenen Vertretern der Berufsschulen, aber auch aus der Beratung des Berufsbildungsgesetzes weiss ich, dass sich in diesen Kreisen eine gewisse Frustration ausbreitet. Man hat das Gefühl, die wichtigen Entscheidungen würden zwischen den Organisationen der Arbeitswelt [PAGE 216] und den Behörden getroffen; den Berufsschulen bleibe nur noch der Vollzug dessen, was andere entschieden hätten. Man fühlt sich aber auch mit Problemen wie z. B. der Integration ausländischer Jugendlicher allein gelassen, so ungefähr nach dem Wort von Tucholsky: "Der Zentrale fällt nichts ein, und die anderen müssen es ausführen."
Ich sage nicht, dass das BBT die Berufsschulen und die Lehrer vernachlässigt. Das kann ich nicht beurteilen. Ich mache den Bundesrat nur auf das generelle Gefühl einer gewissen Unzufriedenheit aufmerksam, das an sich nicht ganz ungefährlich ist. Genauso wie die Maturitätsstufe braucht auch das duale System engagierte Berufsschullehrer, die Freude an ihrem Beruf haben und sich nicht nur von den Organisationen, sondern auch von der Zentrale her ernst genommen fühlen.
Sieht der Bundesrat eine Möglichkeit, hier etwas zur Klimaverbesserung beizutragen?