Häsler Christine · Nationalrat · 2016-04-26
Häsler Christine · Nationalrat · Bern · Grüne Fraktion · 2016-04-26
Wortprotokoll
Manche, die nicht mehr hier in diesem Parlament mit dabei sind, und einige von uns befassen sich nunmehr seit vielen Jahren mit dieser Thematik. Anfänglich standen sie fast allein auf weiter Flur, dieses Engagement wurde nicht immer verstanden. Die breite [PAGE 667] Öffentlichkeit wusste noch vor zehn, fünfzehn Jahren mit dem Begriff "Verdingkinder" nicht immer viel anzufangen, und auch die Opfer von administrativen Massnahmen waren lange, viel zu lange in der Öffentlichkeit kaum ein Thema. Lange hat kaum jemand diese Betroffenen wahrgenommen, doch das Blatt hat sich nun, mindestens was die Wahrnehmung angeht, stark gewendet: In den letzten Jahren hat unsere Gesellschaft, haben wir alle, wir Schweizerinnen und Schweizer, aufwühlende, tief berührende und unglaubliche Schicksale und Lebensgeschichten zu hören und zu lesen bekommen. Die Betroffenen haben über ihr Leben berichtet. Die Medien haben sich der Themen angenommen, und das anonyme Leid hat ein Gesicht bekommen: das Gesicht von ehemaligen Verdingkindern; das Gesicht von Menschen, die als Jugendliche wegen angeblich liederlichen Lebenswandels versorgt wurden; das Gesicht von jungen Frauen und Männern, die zwangssterilisiert wurden, denen die Kinder weggenommen wurden; das Gesicht von Familien, die auseinandergerissen wurden; das Gesicht von Menschen, denen unglaubliches Unrecht widerfahren ist.
Viel zu lange hat es gedauert, bis das erlittene Leid endlich wahrgenommen und ernst genommen wurde. Es fühlt sich für die Engagierten lange an, und es muss sich auch für die Betroffenen unerträglich lange angefühlt haben. Unentschuldbar ist es, dass die Hilferufe der Betroffenen so lange in den Wind geschlagen wurden. Unerträglich ist es, dass die Betroffenen so lange auf diesen Moment warten mussten, und auch unfassbar, dass viele Verantwortliche nicht von selber, sondern immer wieder erst auf Druck hin aktiv wurden.
Frau Bundesrätin Sommaruga hat bereits heute Vormittag in der Debatte über den Kindesschutz auf unsere jetzige Diskussion hingewiesen. Später fragt man nämlich jeweils: Warum hat niemand hingeschaut, warum hat niemand interveniert, warum hat niemand geholfen? Das fragen wir uns auch heute. Wir müssen wissen, dass das, was damals passiert ist, auch viel mit dem zu tun hat, was wir heute beachten müssen, wenn es um den Umgang mit Kindern, mit Eltern, mit Menschen in schwierigen Lebenslagen geht.
Mit der Initiative haben wir ein Zeugnis dafür, dass die Schicksale der damals und der heute noch Betroffenen endlich ernst genommen werden, auch von den zahlreichen Menschen, die diese Initiative unterschrieben haben. Wir sind aufgefordert, nun für eine Wiedergutmachung für die Betroffenen einzustehen, weil sie es verdient haben. Sie haben die herzliche und einfühlsame Entschuldigung verdient, die Frau Bundesrätin Sommaruga am 11. April 2013 ausgesprochen hat; sie haben eine Form der Wiedergutmachung verdient, und sie haben es verdient, dass wir sie endlich wahrnehmen und ernst nehmen und dass wir ihnen endlich die Wertschätzung erweisen, die sie lange nicht erhalten haben.
Im Wissen darum, dass so grosses Leid letztlich nicht wiedergutgemacht werden kann, fordere ich Sie auf, hier einen wichtigen Schritt zu tun und jenen Betroffenen, die heute noch auf eine Wiedergutmachung oder auf Wertschätzung warten, mit Respekt entgegenzutreten. Auf dieses zugefügte Leid gibt es nur eine Antwort: Wir verneigen uns tief vor den Betroffenen und setzen alles daran, dass nun umgehend eine deutliche und klare Geste der Wiedergutmachung erfolgt.
Ich danke Ihnen für die Unterstützung des Gegenvorschlages.