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Marti Min Li · Nationalrat · 2016-06-09

Marti Min Li · Nationalrat · Zürich · Sozialdemokratische Fraktion · 2016-06-09

Wortprotokoll

Ich vertrete ebenfalls einen Antrag zu den strategischen Zielen zum ETH-Bereich, mit dem Inhalt, dass der ETH-Bereich eine öffentliche Diskussion über Wissenschaft, Technik und Gesellschaft unter dem Einbezug verschiedener Positionen fördert.

Gemessen an der Bedeutung von neuen Technologien auf Gesellschaft, Wirtschaft und auf den Menschen überhaupt bleibt die politische und gesellschaftliche Diskussion dazu bescheiden. Das liegt einerseits daran, dass das Thema Technologie von vielen als kompliziert wahrgenommen wird und sich somit nur Spezialisten und Insider damit beschäftigen, was diesen Effekt noch verstärkt. Andererseits wird teilweise ein Glaubenskrieg zwischen Kulturpessimisten und Technologiegläubigen ausgetragen. Der Internettheoretiker Evgeny Morozov hat noch eine dritte Kategorie ausgemacht: die Technologieagnostiker, die durchaus anerkennen, dass Technologie zu guten oder zu schlechten Zwecken eingesetzt werden kann. Er kritisiert dabei aber einen naiven Technologieagnostizismus, der davon ausgeht, dass Technologie wertneutral sei, quasi im luftleeren Raum stattfinde und völlig unbeeinflusst von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sei. Diese Haltung ist nicht nur naiv, sie ist letztlich auch nicht wissenschaftlich. Denn sie verkennt, dass Wissenschaftsentwicklung nicht gradlinig, sondern immer in Kontroversen verläuft.

Es stehen sich immer verschiedene Denkschulen und Paradigmen gegenüber. Francis Bacon sagte schon vor 400 Jahren, dass Wissenschafter sich überlegen sollen, was wirklich das Ziel ihrer Erkenntnis sei, und dass sie weder aus Freude an der Spekulation noch aus Wetteifer, noch zur Erlangung der Herrschaft über andere, noch wegen des Profits, des Ruhms oder der Macht die Erkenntnis anstreben dürfen, sondern zum Wohle und Nutzen des Lebens und dass sie diese Erkenntnis in Barmherzigkeit vervollständigen und lenken sollen. Das Nachdenken über gesellschaftliche Auswirkungen ist also sowohl Bestandteil wie auch Ziel der Erkenntnis, die die Wissenschaft anstrebt. Es ist daher sinnvoll und wichtig, dass sich die Hochschulen einem offenen und selbstreflexiven Diskurs stellen und auf der Herstellung des Zusammenhangs von gesellschaftlicher, demokratischer, sozialer und wissenschaftlicher Entwicklung bestehen.

Unsere beiden eidgenössischen Hochschulen gehören zu den besten Hochschulen der Welt, und darauf sind wir stolz. Diese Diskussion zu führen bedeutet, dass sie der hohen Verantwortung, die sie tragen, entsprechen und dass sie die hohen Erwartungen, die an sie gestellt werden, erfüllen - dies gerade auch, weil technologische Entwicklungen grosse Auswirkungen haben können; dies gerade auch, weil sie auch Ängste auslösen.

Es geht hier nicht darum, dem ETH-Bereich Steine in den Weg zu legen. Es geht darum, eine Chance zu nützen. Wir haben gestern im Rahmen unseres Fraktionsausfluges unter anderem auch die ETH besucht. ETH-Präsident Lino Guzzella sagte, dass auch er das kritische Denken seiner Studierenden fördern wolle und darum eine "Critical Thinking"-Initiative gestartet habe. Mein Minderheitsantrag unterstützt dieses Vorhaben und möchte es noch stärken.

Ich bitte Sie daher, meinem Minderheitsantrag zuzustimmen.