Markwalder Christa · Nationalrat · 2016-06-13
Markwalder Christa · Nationalrat · Bern · FDP-Liberale Fraktion · 2016-06-13
Wortprotokoll
Ich begrüsse Sie herzlich zur dritten Woche unserer Sommersession. Wir beginnen mit einem Nachruf.
Am letzten Mittwoch ist alt Bundesrat Pierre Aubert in seinem 90. Lebensjahr verstorben. Pierre Aubert war von 1978 bis 1987 Vorsteher des Eidgenössischen Departementes für auswärtige Angelegenheiten. In seiner Abschiedsrede vor der Bundesversammlung erklärte er: "Schon vor meiner Amtszeit im EDA war ich der tiefen Überzeugung, dass die Schweiz sich gegenüber der Welt vermehrt öffnen und eine Abkapselung vermeiden sollte." Diese Aussage steht für das Engagement eines Mannes, der sich in seinen zehn Jahren an der Spitze des Departementes für auswärtige Angelegenheiten stets für die Menschenrechte, die Abrüstung und die Entwicklungszusammenarbeit eingesetzt hat.
Pierre Aubert wurde 1927 in La Chaux-de-Fonds geboren. Er stammte aus einer Hugenottenfamilie, die nach der Aufhebung des Edikts von Nantes in die Schweiz geflohen war. Seine Ausbildung absolvierte er in La Chaux-de-Fonds, sein Rechtsstudium in Neuenburg und Heidelberg, bevor er als Anwalt praktizierte. Er trat 1958 der Sozialdemokratischen Partei bei und wurde wenig später in das Stadtparlament von La Chaux-de-Fonds gewählt, dem er acht Jahre lang angehörte. Von 1961 bis 1975 sass er im Neuenburger Grossen Rat, den er 1969 präsidierte. Mit seinem politischen Einsatz gewann er das Vertrauen seiner Mitbürger: Diese wählten ihn 1971 in den Ständerat, womit er zum ersten Neuenburger Sozialdemokraten in der Kleinen Kammer wurde. In seiner Zeit als Ständerat amtierte er unter anderem als Berichterstatter der Politischen Kommission des Europarates, dem er als Mitglied der Schweizer Delegation angehörte. Sechs Jahre später erfolgte seine glanzvolle Wahl in den Bundesrat - mit 190 Stimmen im ersten Wahlgang, ein nach wie vor ungeschlagenes Rekordergebnis.
Pierre Aubert ist als Vorsteher des Departementes für auswärtige Angelegenheiten auch deshalb in die Geschichte unseres Landes eingegangen, weil er als erster schweizerischer Aussenminister Länder ausserhalb Europas besuchte. Zwei Jahre nach seinem Amtsantritt war er bereits in allen wichtigen frankophonen Staaten Afrikas zu Gast gewesen. Dieses Engagement hatte allerdings seinen Preis: Man warf ihm vor, seine Stellungnahmen im Ausland vertrügen sich nicht mit der Neutralität unseres Landes. Die Folge davon war, dass er 1979 mit nur gerade 124 Stimmen wiedergewählt wurde. Einen weiteren Rückschlag erlitt er 1986, als sich 75 Prozent des Schweizer Stimmvolkes gegen eines seiner grossen Anliegen, den Uno-Beitritt der Schweiz, aussprachen. Langfristig sollte er aber Recht behalten: Im Jahr 2002 trat die Schweiz der Uno bei.
Pierre Aubert sagte, dass er sich aufgrund seiner Wurzeln in La Chaux-de-Fonds, wo der Wind der Freiheit wehe, und aufgrund seiner politischen Überzeugungen stets für das Schicksal der Schwächeren interessiert habe. Auch wenn seine Ideen nicht immer allen gefielen, so haben seine Auslandreisen und -kontakte doch dazu verholfen, die Wirtschafts- und Handelsbeziehungen der Schweiz auszubauen. Er verstärkte auch die Entwicklungszusammenarbeit und die humanitäre Hilfe unseres Landes, deren Anteil am Bruttonationaleinkommen innerhalb von zehn Jahren von 0,2 auf 0,3 Prozent stieg.
In den Augen von Pierre Aubert war die Einhaltung der Menschenrechte und Grundfreiheiten eine unabdingbare Voraussetzung für Frieden und erfolgreiche internationale Beziehungen.
Verheiratet und Vater zweier Kinder, lebte Pierre Aubert im alten Winzerdorf Auvernier. Immer aber behielt Pierre Aubert ein kleines Haus in seiner Heimatstadt, wo er bis ans Ende seines Lebens auch seine Stimme abgab.
Im Namen der Bundesversammlung möchte ich seiner Familie von Herzen mein tiefstes Beileid aussprechen. Ich bitte meine Ratskolleginnen und -kollegen wie auch die Personen auf den Tribünen, sich zu erheben und in einem Moment des Schweigens des Verstorbenen zu gedenken.
[VS]
Der Rat erhebt sich zu Ehren des Verstorbenen
L'assistance se lève pour honorer la mémoire du défunt